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Führerdemokratie – Verantwortungsethik – Kausalität. Max Webers Lehren für das 21. Jahrhundert

Karsten Fischer, 29 January 2021

In den hundert Jahren seit seinem Tod ist Max Weber zu einem, wenn nicht gar dem sozialwissenschaftlichen Klassiker geworden. Dementsprechend ist die anhaltende Relevanz seiner Theorien und Analysen unbestritten, auch wo ihre Korrektheit in Frage gestellt wird. Dieser seltsame, widersprüchliche Status mag für Klassiker kennzeichnend sein. Bei Weber zeigt er sich besonders in der Religionssoziologie, in der seine berühmte These, die okzidentale Entstehung des Kapitalismus liege in der protestantischen Ethik begründet, zwar als solche Kritik findet,1 aber bis heute auch eine Vielzahl von Studien inspiriert, wenn beispielsweise ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Korruption in bestimmten Ländern und deren konfessioneller Prägung hergestellt worden ist.2 Zudem hat Webers religionssoziologische Fragestellung das Interesse seines Freundes Ernst Troeltsch am Einfluss religiöser Orientierung auf unterschiedliche politische Regime geprägt, und diese zu Webers wirtschaftsethischem Ansatz analoge Frage, weshalb sich nur im Abendland die liberale Demokratie originär entwickelt hat, welchen Einfluss also die protestantische Ethik auf den „Geist“ nicht nur des Kapitalismus, sondern auch des Liberalismus gehabt hat, ist naheliegenderweise von größter Bedeutung für die zu Beginn des 21. Jahrhunderts unerwartet problematische Zukunft freiheitlicher Herrschaft.3 Eine komparative Analyse der politischen Ethik der Weltreligionen ist jedenfalls ein Forschungsdesiderat.

In der politischen Dynamik der letzten fünf Jahre ist indes eine noch konkretere demokratietheoretische Relevanz Webers deutlich geworden, der ich mich zunächst widmen möchte, und zwar sein Konzept der plebiszitären Führerdemokratie (1.). Anschließend werde ich mich Webers Gegenüberstellung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik zuwenden (2.), bevor ich mit der Aktualität seiner methodologischen Überlegungen zur Kausalität schließe (3.).

1. Plebiszitäre Führerdemokratie

Max Webers Politische Soziologie ist berühmt für ihre Unterscheidung der drei reinen Typen legitimer Herrschaft: Rationale Herrschaft beruht auf dem „Glauben an die Legalität gesatzter Ordnungen und des Anweisungsrechts der durch sie zur Ausübung der Herrschaft Berufenen“; sie ist deswegen auch eine „legale Herrschaft mit bureaukratischem Verwaltungsstab“.4 Traditionale Herrschaft beruht „auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltender Traditionen und die Legitimität der durch sie zur Autorität Berufenen“, und charismatische Herrschaft beruht „auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen“.5

Das ist viel interpretiert und vor allem sozialgeschichtlich genutzt sowie als Zeitzeugnis aufgefasst worden. Von einer demokratietheoretischen Rezeption Webers kann hingegen kaum die Rede sein. Allenfalls ist sie in vornehmlich kritischer Weise erfolgt, wie das maßgebliche Werk von Manfred G. Schmidt zeigt.6 Dies liegt zum einen daran, dass sich Webers Verständnis der Demokratie „nicht leicht entschlüsseln“ lässt, weil seine „Arbeiten zu Demokratie und Parlamentarismus […] hauptsächlich politische Debattenbeiträge [sind], hineingeschrieben in die Auseinandersetzungen des verlöschenden Kaiserreichs und die aufgewühlte Gründungsphase der ersten deutschen Republik“ und sie damit „offen den Zeitstempel tragen“, wie Christoph Schönberger dies formuliert hat.7 Zum anderen dürfte die defizitäre demokratietheoretische Rezeption Webers auch darauf zurückzuführen sein, dass sich seine Demokratieauffassung eklatant von dem heute verbreiteten Verständnis der Demokratie als fast schon an Herrschaftsfreiheit grenzender, umfassender Lebensform unterscheidet.8

Wenn wir hingegen weder rein historisch noch ausschließlich normativ vorgehen, sondern das analytische Potential von Webers Kategorien systematisch nutzen,9 ist sein Konzept der plebiszitären Führerdemokratie in Zeiten des autoritären Populismus meines Erachtens überaus relevant und aktuell. Entwickelt wird es in Wirtschaft und Gesellschaft im Zusammenhang der Erörterung der charismatischen Herrschaft, und zwar unter dem Titel der herrschaftsfremde[n] Umdeutung des Charisma. Das zeigt laut Hans-Peter Müllers pünktlich zu Webers Todestag bei Suhrkamp erschienenem großen Buch Max Weber. Eine Spurensuche, dass Weber „Demokratie theoretisch als Gegenprinzip zur Herrschaft denkt und historisch als Gegenprinzip zur Bürokratie.“10 Demokratie ist somit für ihn als solche kein Herrschaftstyp, sondern steht „quer zu traditionaler, rationaler und charismatischer Herrschaft“.11 Zu einer Herrschaftsform wird die Demokratie nur, „wenn sie sich aus der herrschaftsfremden Umdeutung des Charismas ableitet“.12 So dient das Wahlprinzip laut Weber der „Akklamation des Führers durch die Beherrschten und das Resultat ist die plebiszitäre Führerdemokratie“,13 und das bedeutet, dass die Demokratie für ihn „nur auf der Basis plebiszitärer Führungswahl“ die „Dignität einer Herrschaftsform gewinnen“ kann.14

Weber verortet die Demokratie damit ganz nüchtern als Umkehrung der Legitimitätsbeziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten „bei zunehmender Rationalisierung der Verbandsbeziehungen“: Da „die tatsächliche Geltung der charismatischen Autorität […] gänzlich auf der durch ‚Bewährung‘ bedingten Anerkennung durch die Beherrschten“ ruhe, könne diese Anerkennung, „statt als Folge der Legitimität, als Legitimitätsgrund angesehen“ und so zur demokratischen Legitimität werden.15 Diesbezüglich ist es erstaunlich, dass Weber nie erwogen hat, „ob nicht eine solche plebiszitär-charismatische Führerschaft des großen Demagogen, wie er sie forderte, zu einer Entsachlichung und Emotionalisierung des politischen Lebens führen könne, an deren Ende eine charismatische Gewaltherrschaft stehen würde.“16 Dieses Szenario ist schließlich nicht nur in der deutschen Geschichte alsbald dramatisch eingetreten, sondern man muss nur an die heutigen Zustände in Brasilien unter Bolsonaro denken, um die Aktualität dieser Problematik zu sehen. Und die USA waren – horribile dictu – auch schon einmal weiter von solchen Entwicklungen entfernt.

Dass sich, wie Hans-Peter Müller betont, „die Führer-Demokratie von einer populären Diktatur nur durch eine haarfeine Linie unterscheiden“ lässt17 und Weber als Beispiele „die Diktatoren der antiken und modernen Revolutionen“ nennt,18 von Gracchus über Cromwell und Robespierre bis zu Napoleon Bonaparte und Napoleon III., begründet aber gerade die aktuelle Relevanz von Webers Konzeption. Denn Weber betont, die plebiszitäre Führerdemokratie sei „ihrem genuinen Sinn nach eine Art der charismatischen Herrschaft, die sich unter der Form einer vom Willen der Beherrschten abgeleiteten und nur durch ihn fortbestehenden Legitimität verbirgt. Der Führer (Demagoge) herrscht tatsächlich kraft der Anhänglichkeit und des Vertrauens seiner politischen Gefolgschaft zu seiner Person als solcher.“19 Und weiter: „Der Führerdemokratie ist dabei im allgemeinen der naturgemäße emotionale Charakter der Hingabe und des Vertrauens zum Führer charakteristisch, aus welchem die Neigung, dem Außeralltäglichen, Meistversprechenden, am stärksten mit Reizmitteln Arbeitenden als Führer zu folgen, hervorzugehen pflegt.“20

Dies klingt nicht nur nach einer exakten Beschreibung der populistischen Strategie Trumps, Johnsons, Orbáns, Kaczyńskis, Salvinis, Erdoğans und Bolsonaros, sondern Weber betont auch, dass dieser „plebiszitären Anerkennung durch das souveräne Volk“ ein autoritärer Zug zu eigen ist, der keinesfalls verwechselt werden darf mit „Typen der führerlosen Demokratie […], welche durch das Streben nach Minimisierung der Herrschaft des Menschen über den Menschen charakterisiert ist.“21 Der erwähnte Umstand, dass Webers Demokratiebegriff viel nüchterner ist als deren aktuelle Verklärungen zur Herrschaftsfreiheit, ist demnach als Indikator für den antidemokratischen Zug des aktuellen Rechtspopulismus zu verstehen.22

Wenn Weber die plebiszitäre Führerdemokratie als „Uebergangstypus“ bezeichnet,23 ergeben sich von hieraus auch interessante Perspektiven auf die jüngste Forschung im Bereich der Vergleichenden Regierungslehre in Gestalt der Varieties of Democracy (V-Dem).24 Ihr zufolge hat zwar seit der Epochenwende von 1990 die Anzahl der Geschlossenen Autokratien abgenommen, seit etwa 2015 aber auch die Anzahl der Liberalen Demokratien, während sich eine breite Grauzone von Elektoralen Demokratien und Elektoralen Autokratien herausgebildet hat, die, wie mindestens die Beispiele Polens, Ungarns und der Türkei zeigen, mitunter schwer voneinander unterscheidbar sind.25

Webers Kategorie der plebiszitären Führerdemokratie mit ihrer Fokussierung auf die Gefolgschaft gegenüber der charismatischen Person ist aber noch hinsichtlich eines weiteren aktuellen Phänomens relevant. Gemäß der minimalistischen Definition Adam Przeworskis beruht die Demokratie als Regierungsform darauf, dass Wahlen verloren werden können.26 Dieser loser’s consent ist jedoch in den westlichen Demokratien fraglich geworden. So hat sich beispielsweise im Jahr nach der Wahl Barack Obamas zum amerikanischen Präsidenten die so genannte Tea Party gegründet, die fortan permanent gegen die erklärten und also den Wählern vor der Wahl bekannten Ziele des Präsidenten mobilisiert hat, indem sie mit apokalyptischem Furor sowohl ihre ethnische Minorisierung beklagt als auch ihre ethische Superiorität reklamiert hat. Und nach der Wiederwahl Obamas im Jahr 2012 hat der damalige Unternehmer und spätere Amtsnachfolger Donald Trump in einer Reihe von Twitter-Botschaften unter Berufung auf nationale Einheit und eine offenbar alternative Idee von Demokratie zum Widerstand gegen das demokratische Wahlergebnis aufgefordert:

“We can’t let this happen. We should march on Washington and stop this travesty. Our nation is totally divided!”
“This election is a total sham and a travesty. We are not a democracy!“27

In Frankreich mobilisieren wiederum seit Herbst 2018 die so genannten Gilets Jaunes ursprünglich gegen eine dem Klimaschutz verpflichtete, aber vor allem die Pendler in ländlichen Regionen finanziell belastende Steuererhöhung auf Benzin und generell gegen soziale Ungleichheit, zu geringe Einkünfte und die politische Führung des Landes. Dieser Protest gegen die Politik des ein Jahr zuvor mit breiter Mehrheit gewählten Präsidenten Emmanuel Macron wird von fremdenfeindlichen und antisemitischen Zügen sowie von Gewalt gegen Sachen und Personen begleitet und gipfelt in menschenfeindlichem Hass auf Polizisten.

Diese Phänomene könnten darauf hindeuten, dass politische Wahrheits- und Geltungsprätentionen und eine apokalyptische Sorge vor der Politik des Wahlsiegers an die Stelle des Vertrauens auf den institutionalisierten demokratischen Fallibilismus treten, mit der Folge, dass der Glaube an die Richtigkeit und Wichtigkeit der weltanschaulich überhöhten, eigenen Überzeugungen zu regelrechtem Widerstand gegen die per Mehrheitsvotum legitimierten Regierungen motiviert und die eigene Position nicht mehr unter den Vorbehalt möglichen Irrtums gestellt wird. Damit erfolgt eine Delegitimierung demokratischer Verfahren und Institutionen, und hierin liegt der Unterschied zu dem in allen westlichen Demokratien legitimen und organisierten Versuch, Mehrheiten durch lobbyistische Einflussnahme auf Entscheidungsträger oder durch die Mobilisierung der Öffentlichkeit seitens sozialer Bewegungen zu gewinnen. Entgegen der in der Geschichte der Demokratie verbreiteten Sorge vor einer Tyrannei der Mehrheit handelt es sich demnach um eine Tyrannei der Minderheit, der das geduldige und vor allem ergebnisoffene Werben um Zustimmung fehlt, so dass die zentrale demokratische Spielregel verletzt wird. Dies reicht bis zu dem Umstand, dass US-Präsident Trump nach seiner Wahl behauptet hat, man habe ihm den Sieg auch bei der popular vote durch Wahlbetrug gestohlen, womit erstmals in der Geschichte nicht der Verlierer, sondern der Sieger das Ergebnis einer Wahl nicht akzeptiert hat.28

Zum Verständnis solcher Entwicklungen könnte Webers Kategorie der plebiszitären Führerdemokratie einiges beitragen, wenngleich sich an dieser Stelle auch zwei Schwächen seines Ansatzes zeigen. So fehlt bei Weber jegliche Bezugnahme auf sozialpsychologische Aspekte, wie sie für das Verständnis von Radikalisierungsprozessen schlechthin wesentlich sind, obwohl Webers eigene Kultursoziologie die Beschäftigung mit der Psychologie nahelegt.29 Außerdem hat Weber, Luhmann zufolge, „seinen Begriff der Legitimität im Hinblick auf die sozialen Prozesse, die Legitimität schaffen, und im Hinblick auf die gesellschaftsstrukturellen Bedingungen, die das ermöglichen, nicht hinreichend ausgearbeitet.“30 Aber „nur wenn man die Bindung des Legitimitätsbegriffs an die persönlich geglaubte Richtigkeit der Entscheidungen aufgibt, kann man die sozialen Bedingungen der Institutionalisierung von Legitimität und Lernfähigkeit in sozialen Systemen angemessen untersuchen“,31 die Tyrannei der Minderheit also als nicht bloß individuell-arbiträres Phänomen betrachten, sondern als eine Lernpathologie mit der Folge einer Erosion demokratischer Institutionen. Für diese Perspektive spricht jedenfalls die sukzessive Verschiebung der Grenze rhetorischer Provokationen und der Beeinträchtigung institutioneller Gewaltenteilung seitens populistischer Politiker.

2. Verantwortungsethik

Max Webers Antwort auf die skizzierten Bedrohungen der Demokratie wäre womöglich ein weiterer Vortrag über Politik als Beruf – den er heute natürlich am CAS hielte. Darin würde er wohl erneut „Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß“ als Tugenden von Politikern fordern und vor dem „trivialen, allzu menschlichen Feind“ der Eitelkeit warnen, den „der Politiker täglich und stündlich in sich zu überwinden“ habe.32 Und Weber würde sicher erneut betonen, dass jeder, der „Verantwortung für die Folgen real und mit voller Seele empfindet und verantwortungsethisch handelt, an irgendeinem Punkte sagt: ‚ich kann nicht anders, hier stehe ich‘“, weshalb „Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht absolute Gegensätze, sondern Ergänzungen“ sind, „die zusammen erst den echten Menschen ausmachen, den, der den ‚Beruf zur Politik‘ haben kann.“33

Weber ist also gar nicht der einseitige Propagandist von Verantwortungsethik, als der er regelmäßig dargestellt wird.34 Und das spricht auch für ihn, denn eine Apotheose der Verantwortungsethik wäre vollkommen realitätsfremd in einer Zeit, die durch eine exorbitante Zunahme von Entscheidungskomplexität gekennzeichnet ist und in der mithin die Folgen von Entscheidungen regelmäßig so unabsehbar sind, dass die Übernahme entsprechender Verantwortung unmöglich ist.35 Das gilt für den Einfluss industrieller Produktion auf das globale Öko-System ebenso wie für die jeweiligen nationalen Wohlstandseffekte einer globalisierten Ökonomie und die Wirkungen sozialhygienischer Maßnahmen in einer globalen Pandemie.

Dies tangiert naheliegenderweise die utilitaristische Folgenethik in der Tradition Jeremy Benthams und John Stuart Mills, deren Konsequentialismus Weber als verantwortungsethisch bezeichnet hat, ebenso wie die deontologische Pflichtenethik in der bis zu Jürgen Habermas‘ Diskursethik reichenden Tradition Immanuel Kants. Denn Habermas‘ Postulat, jede gültige Norm müsse „der Bedingung genügen, dass die voraussichtlichen Folgen und Nebenwirkungen, die sich aus ihrer allgemeinen Befolgung für die Befriedigung der Interessen eines jeden voraussichtlich ergeben, von allen Betroffenen zwanglos akzeptiert (und den Auswirkungen der bekannten alternativen Regelungsmöglichkeit vorgezogen) werden können“, nimmt das Problem absehbarer und also verantwortbarer Konsequenzen in die deontologische Ethik auf.36 Einen Ausweg aus dieser Problematik muss auch der so genannte Intuitionismus verfehlen,37 zumal der technische Fortschritt im Bereich der so genannten Lebenswissenschaften zu der moralischen Aporie führt, dass generell problematische Maßnahmen wie etwa Keimbahneingriffe mit Heilungsperspektiven mindestens in Einzelfällen kontrastieren, wofür es in keinem moralphilosophischen Modell eine befriedigende Lösung gibt. Dies zeigt, daß die Dynamik der sozio-kulturellen Entwicklung in den hundert Jahren seit Webers Tod nahelegt, anstelle der konventionellen Komplementarität von Gesinnungs- und Verantwortungsethik mit Niklas Luhmann die Beobachtungsebene zu erhöhen und zu fragen, ob es gut oder böse ist, zwischen gut und böse zu unterscheiden.38 Die von Luhmann geforderte höhere Amoralität könnte von hieraus nicht nur dem vorstehend angesprochenen Problem einer Tyrannei der Minderheit aus moralischer Selbstgerechtigkeit abhelfen, sondern auch für Fragen der sozialen Selbstverständigung über kollektive Entwicklungsprozesse empfehlenswert sein.39

3. Kausalität

Die sozio-kulturelle Dynamik der letzten hundert Jahre hat nicht nur die Moral erfasst, sondern auch die informationellen Grundlagen der Gesellschaft und mit ihnen die Wissenschaft. Denn unvermindert rasant ist nicht nur der Anstieg der schieren Datenmenge, den die International Data Corporation auf 175 Zettabyte (ZB) im Jahr 2025 schätzt – gegenüber 40 ZB im Jahr 2019, was einen jährlichen Anstieg von über 25 Prozent bedeutet.40

Im Zuge dessen sind tiefgreifende Veränderungen des Denkstils zu beobachten,41 wenn beispielsweise der damalige NSA-Direktor Keith Alexander auf dem Aspen Security Forum 2013 das berühmte Sprichwort von der Suche der Nadel im Heuhafen zur Maxime des Data-Mining verkehrt hat: „You need the haystack to find the needle.“42 Naheliegenderweise hat dies unmittelbare überwachungspolitische Implikationen, worin sich einmal mehr zeigt, wie treffend Michel Foucaults Betonung des untrennbaren, reziproken Verhältnisses zwischen Wissensfeldern und Machtbeziehungen ist.43

Dementsprechend bedeutsam ist der von Chris Anderson im Jahr 2008 in dem Magazin Wired veröffentlichte Abgesang auf Theorie im allgemeinen und die Ermittlung von Kausalitäten im besonderen, zugunsten der Konzentration auf selbsterklärende Daten und Korrelationen: „Wir leben in einer Welt, in der riesige Datenmengen und angewandte Mathematik alle anderen Hilfsmittel ersetzen, die man sonst noch so anwenden könnte. Ob in der Linguistik oder in der Soziologie: Raus mit all den Theorien menschlichen Verhaltens. Vergessen Sie Taxonomien, die Ontologie und die Psychologie! Wer weiß schon, warum Menschen sich so verhalten, wie sie sich gerade verhalten? Der springende Punkt ist,https://www.blog.cas.uni-muenchen.de/topics/max-weber-today/phantasiebilder-der-kausalitaet-bei-max-weber dass sie sich so verhalten und dass wir ihr Verhalten mit einer nie gekannten Genauigkeit nachverfolgen und messen können. Hat man erst einmal genug Daten, sprechen die Zahlen für sich selbst.“44

Diese „radikale Vision, in der Erkenntnis aus der Datenfülle entspringt und uns die Umwege und Sackgassen der Reflexion erspart“,45 widerspricht nicht nur dem Umstand, dass unsere Zivilisation maßgeblich auf Wirklichkeitskonstruktionen basiert, so dass naturgesetzliche Rahmenbedingungen nicht einfach deterministisch verstanden werden können, sondern ihrerseits erkenntnisanthropologisch kontextualisiert und historisiert werden müssen.46 Vielmehr gehört die von Anderson propagierte Ersetzung von Kausalität durch Korrelationen zu einem Macht/Wissen-Komplex im Sinne Foucaults, in dem „alternative facts“47 und Verschwörungstheorien mit ihrer notorischen Umdeutung von Korrelationen zu Kausalitäten zu einem einflussreichen Mittel politisch-sozialer Auseinandersetzung avancieren.48 Ohne diese Machteffekte wäre die wissenschaftstheoretische Karriere der Korrelationen auch kaum erklärbar, wie Tyler Vigen in seinem Buch Spurious Correlations gezeigt hat.49

In der gegenwärtigen Situation, in der die Diskussion über den Zusammenhang von Fakten eine bemerkenswerte wissenschaftstheoretische Renaissance erlangt hat, ist nun die Rückbesinnung auf Max Webers Methodologie hilfreich, und zwar nicht auf seine beiden bekanntesten Arbeiten, den Objektivitätsaufsatz mit der Lehre vom Idealtypus50 und den Wertfreiheitsaufsatz.51 Vielmehr gibt es einen demgegenüber zu Unrecht weniger stark rezipierten Beitrag, und zwar den zweiten Teil seiner Kritischen Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik aus dem Jahr 1906 mit dem Titel Objektive Möglichkeit und adäquate Verursachung in der historischen Kausalbetrachtung. Darin hat Weber nämlich gezeigt, dass sich kausale Zurechnungen „in Gestalt eines Gedankenprozesses“ vollziehen, der „eine Serie von Abstraktionen enthält. Die erste und entscheidende ist nun eben die, dass wir von den tatsächlichen kausalen Komponenten des Verlaufs eine oder einige in bestimmter Richtung abgeändert denken und uns fragen, ob unter den dergestalt abgeänderten Bedingungen des Hergangs der [in den ‚wesentlichen‘ Punkten] gleiche Erfolg oder welcher andere ‚zu erwarten gewesen‘ wäre.“52 Es muss mithin nach den objektiven Möglichkeiten gefragt werden, die in einer gegebenen Situation bestanden hätten, und das bedeutet „die Schaffung von – sagen wir ruhig: – Phantasiebildern durch Absehen von einem oder mehreren der in der Realität faktisch vorhanden gewesenen Bestandteile der ‚Wirklichkeit‘ und durch die denkende Konstruktion eines in bezug auf eine oder einige ‚Bedingungen‘ abgeänderten Herganges.“53 Auf diese Weise wird es möglich zu beurteilen, ob bei Ausschaltung eines Faktums „aus dem Komplex der als mitbedingend in Betracht gezogenen Faktoren oder bei seiner Abänderung in einem bestimmten Sinne der Ablauf der Geschehnisse nach allgemeinen Erfahrungsregeln eine in den für unser Interesse entscheidenden Punkten irgendwie anders gestaltete Richtung hätte einschlagen können“.54 Ist dies der Fall, ist das fragliche Faktum „kausal bedeutungslos“; andernfalls ist es hingegen als Kausalfaktor ermittelt.55 Dies bringt Weber auf die Formel: „Um die wirklichen Kausalzusammenhänge zu durchschauen, konstruieren wir unwirkliche.“56

Ein spekulatives Moment ist demnach methodisch geboten, und hieran zeigt sich laut Hans-Peter Müller, dass Weber seine Sozialwissenschaft als Kulturwissenschaft so ausrichtet, „dass Erklären und Verstehen, Kausal- und Sinnanalyse passgenau ineinandergreifen.“57 In der durch Big Data aufgeworfenen Theorie-Debatte besteht Webers Aktualität mithin darin, dass er die nicht auf Data-Mining reduzierbare Komplexität wissenschaftlicher Fragestellungen demonstriert.

Alles in allem lässt sich also feststellen, dass Max Webers Werk hundert Jahre nach seinem Tod wertvolle Lehren für das 21. Jahrhundert bietet, und zwar sowohl, wenn seine Arbeiten, wie im Fall der Verantwortungsethik, uns zeigen, was sich geändert hat, als auch, wenn sie, wie im Fall der Regimelehre und der Methodologie, unverändert oder gar mehr denn je aktuelle Einsichten beizutragen haben.

  1. Davide Cantoni: The Economic Effects of the Protestant Reformation: Testing the Weber Hypothesis in the German Lands, in: Journal of the European Economic Association, 13, 2015, S. 561–598.
  2. Ulrich von Alemann: Konfession und Korruption. Protestanten an die Macht!, in: Der Überblick. Zeitschrift für ökumenische Begegnung und internationale Zusammenarbeit, 42, 2006, H. 2, S. 13.
  3. Karsten Fischer: Die Zukunft einer Provokation. Religion im liberalen Staat, Berlin 2009, S. 143 ff. Vgl. die ausgewogene Einschätzung von Friedrich Wilhelm Graf: Chancen und Grenzen der Religionssoziologie Max Webers, in: Zur Debatte. Themen der Katholischen Akademie in Bayern, 35, 2005, Nr. 3, S. 24–26 sowie neuestens die instruktive Rekonstruktion und Kontextualisierung von Hans-Peter Müller: Max Weber. Eine Spurensuche, Berlin 2020, S. 67 ff.
  4. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 5. Auflage 1980, S. 124.
  5. Ebd.
  6. Manfred G. Schmidt: Demokratietheorien. Eine Einführung, Wiesbaden 5. Auflage 2010, S. 164 ff.
  7. Christoph Schönberger: Max Webers Demokratie: Utopisches Gegenprinzip zur bürokratischen Herrschaft, in: Andreas Anter/Stefan Breuer (Hg.): Max Webers Staatssoziologie. Positionen und Perspektiven, Baden-Baden 2007, S. 156–173, 156.
  8. Müller, Max Weber (Fn. 3), S. 231.
  9. Zu diesen drei Dimensionen der Theoriebildung vgl. Karsten Fischer: Liberaler Agnostizismus, oder: Der Vorrang der Freiheit vor der Wahrheit. Eine politische Sinngeschichte, in: Deliberative Kritik – Kritik der Deliberation. Festschrift für Rainer Schmalz-Bruns, hg. v. Oliver Flügel-Martinsen/Daniel Gaus/Tanja Hitzel-Cassagnes/Franziska Martinsen, Wiesbaden 2014, S. 103–134, 104 f.
  10. Müller, Max Weber (Fn. 3), S. 230. Siehe zum Konzept der plebiszitäre Führerdemokratie auch den Beitrag von Uwe Sunde in diesem Blog.
  11. Ebd.
  12. Ebd.
  13. Ebd.
  14. Ebd., S. 231.
  15. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (Fn. 4), S. 155 f.
  16. Wolfgang J. Mommsen: Max Weber und die deutsche Politik 1890–1920, Tübingen 3. Auflage 2004, S. 434 f. Vgl. Ders.: Zum Begriff der plebiszitären Führerdemokratie, in: Ders.: Max Weber. Gesellschaft, Politik und Geschichte, Frankfurt/M. 1974, S. 44–71, 65 mit dem treffenden Hinweis auf die „Umdeutung“ der „Führerdemokratie“ durch Carl Schmitt. Eher abwegig ist es allerdings, dass Mommsen, Max Weber und die deutsche Politik 1890–1920, S. 439 f., die V. Französische Republik als plebiszitäre Führerdemokratie diskutiert.
  17. Müller, Max Weber (Fn. 3), S. 229.
  18. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (Fn. 4), S. 156 f.
  19. Ebd., S. 156.
  20. Ebd., S. 157.
  21. Ebd.
  22. Jan-Werner Müller: Was ist Populismus? Ein Essay, Berlin 2. Auflage 2016.
  23. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (Fn. 4), S. 156.
  24. Michael Coppedge et al.: V-Dem dataset v7.1, Göteborg 2017, v-dem.net.
  25. Anna Lührmann et al.: Regimes of the World (RoW): Opening New Avenues for the Comparative Study of Political Regimes, in: Politics and Governance, 6, 2018, S. 60–77.
  26. Adam Przeworski: Minimalist Conception of Democracy: A Defense, in: Ian Shapiro/Casiano Hacker-Cordón (Hg.): Democracy’s Values, Cambridge etc. 1999, S. 12–17.
  27. @realDonaldTrump, 7. November 2012,mashable.com/2012/11/06/trump-reacts-to-election
  28. David Runciman: So endet die Demokratie, Frankfurt/New York 2020, S. 24.
  29. Karsten Fischer: Tabuisierung und Rationalisierung. Max Webers Kultursoziologie und die Zivilisationstheorie Sigmund Freuds, in: Sociologia Internationalis, 38, 2000, S. 153–172.
  30. Niklas Luhmann: Legitimation durch Verfahren, Frankfurt/M. 4. Auflage 1997, S. 29 Fn. 5.
  31. Ebd., S. 34.
  32. Max Weber: Politik als Beruf, in: Ders.: Wissenschaft als Beruf: 1917/1919. Politik als Beruf: 1919, hg. v. Wolfgang J. Mommsen/Wolfgang Schluchter i. Zus.-arb. m. Birgitt Morgenbrod (Studienausgabe der Max Weber-Gesamtausgabe, Bd. I/17), Tübingen 1994, S. 35–88, 73 f.
  33. Ebd., S. 86 f.
  34. Vgl. Müller, Max Weber (Fn. 3), S. 380 ff. Siehe auch den Beitrag von Dirk Kaesler im CAS Blog.
  35. So bereits Stefan Breuer: Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte. Max Weber als Redner und Vereinfacher: Auch die Verantwortungsethik hilft nicht mehr, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. September 1992, S. 10.
  36. Jürgen Habermas: Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt/M. 2. Auflage 1992, S. 134.
  37. Robert Audi: The Good in the Right. A Theory of Intuition and Intrinsic Value, Princeton/Oxford 2004.
  38. Niklas Luhmann: Paradigm lost: Über die ethische Reflexion der Moral. Rede von Niklas Luhmann anläßlich der Verleihung des Hegel-Preises 1989, Frankfurt/M. 2. Auflage 1991, S. 42 f.
  39. Niklas Luhmann: Die Ehrlichkeit der Politiker und die höhere Amoralität der Politik, in: Peter Kemper (Hg.): Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 27–41.
  40. David Reinsel/John Gantz/John Rydning: Data Age 2025. The Digitalization of the World. From Edge to Core. An IDC White Paper – #US44413318, November 2018, https://www.seagate.com/files/www-content/our-story/trends/files/idc-seagate-dataage-whitepaper.pdf, S. 6.
  41. Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, hg. v. Lothar Schäfer/Thomas Schnelle, Frankfurt/M. 1980.
  42. J.D. Tuccille: Why Spy on Everybody? Because “You Need the Haystack To Find the Needle,” Says NSA Chief, http://reason.com/blog/2013/07/19/why-spy-on-everybody-because-you-need-th/.
  43. Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M. 12. Auflage 1998, S. 39: „Man muß wohl auch einer Denktradition entsagen, die von der Vorstellung geleitet ist, daß es Wissen nur dort geben kann, wo die Machtverhältnisse suspendiert sind […]. Eher ist wohl anzunehmen, daß die Macht Wissen hervorbringt (und nicht bloß fördert, anwendet, ausnutzt); daß Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen; daß es keine Machtbeziehung gibt, ohne daß sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert. Diese Macht/Wissen-Beziehungen sind darum nicht von einem Erkenntnissubjekt aus zu analysieren, das gegenüber dem Machtsystem frei oder unfrei ist. Vielmehr ist in Betracht zu ziehen, daß das erkennende Subjekt, das zu erkennende Objekt und die Erkenntnisweisen jeweils Effekte jener fundamentalen Macht/Wissen-Komplexe und ihrer historischen Transformationen bilden.“
  44. Chris Anderson: Das Ende der Theorie. Die Datenschwemme macht wissenschaftliche Methoden obsolet, in: Heinrich Geiselberger/Tobias Moorstedt (Hg.): Big Data. Das neue Versprechen der Allwissenheit, Berlin 2013, S. 124–130, 126. Original: Chris Anderson: The End of Theory: The Data Deluge Makes the Scientific Method Obsolete, https://www.wired.com/2008/06/pb-theory/. Siehe zum Thema Kausalitäten auch den Beitrag von Florian Englmaier in diesem Blog.
  45. Gregor Ritschel/Thomas Müller: Big Data als Theorieersatz?, in: Berliner Debatte Initial 27, 2016, H. 4, S. 4–11, 4.
  46. Vgl. Klaus Mainzer: Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data, München 2014, S. 212 ff. Zum Begriff Erkenntnisanthropologie vgl. Karl-Otto Apel: Szientistik, Hermeneutik, Ideologiekritik. Entwurf einer Wissenschaftslehre in erkenntnisanthropologischer Sicht, in: Ders.: Transformation der Philosophie, Bd. 2: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft, Frankfurt/M. 1988, S. 96–127.
  47. So der Neologismus der Trump-Beraterin Kellyanne Conway: https://www.nbcnews.com/meet-the-press/video/conway-press-secretary-gave-alternative-facts-860142147643.
  48. Karsten Fischer: Über Wahrheit und Täuschung im verschwörungstheoretischen Sinne, in: Vom Umgang mit Fakten. Antworten aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, hg. v. Günter Blamberger/Axel Freimuth/Peter Strohschneider i. Zus.-arb. m. Karena Weduwen, Paderborn 2018, S. 65–77.
  49. Tyler Vigen: Spurious Correlations, New York/Boston 2015, https://www.tylervigen.com/spurious-correlations.
  50. Max Weber: Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hg. v. Johannes Winckelmann, Tübingen 7. Auflage 1988, S. 146–214.
  51. Max Weber: Der Sinn der „Wertfreiheit“ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre (Fn. 54), S. 489–540.
  52. Max Weber: Objektive Möglichkeit und adäquate Verursachung in der historischen Kausalbetrachtung, in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre (Fn. 54), S. 266–290, 273.
  53. Ebd., S. 275.
  54. Ebd., S. 282 f.
  55. Ebd., S. 283.
  56. Ebd., S. 287.
  57. Müller, Max Weber (Fn. 3), S. 52.
Karsten Fischer, Führerdemokratie – Verantwortungsethik – Kausalität. Max Webers Lehren für das 21. Jahrhundert, CAS LMU Blog, 29 January 2021, https://doi.org/10.5282/cas-blog/14