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Max Webers „Plebiszitäre Führerdemokratie“. Gedanken zu Karsten Fischers Beitrag

Uwe Sunde, 29 January 2021

Max Webers Werk hat ohne Zweifel in vielen Bereichen bahnbrechende Einsichten geliefert, die nicht nur die Forschung, sondern auch den öffentlichen Diskurs nachhaltig beeinflusst haben und bis heute beeinflussen. So ist es nur angebracht, sich 100 Jahre nach Webers Tod Gedanken über dessen Relevanz für die heutige Zeit zu machen. Karsten Fischers Beitrag zu den drei Themenbereichen „Führerdemokratie Kausalität – Verantwortungsethik – Kausalität“ ist daher außerordentlich informativ und aktuell.

Ein Punkt, der heute, im Januar 2021, geradezu beklemmende Aktualität besitzt, ist dabei Webers Konzept der plebiszitären Führerdemokratie. Aufgrund seiner Erfahrungen und Lebensumstände war Weber insofern ein Kind seiner Zeit, als sein Demokratieverständnis sich von der heutigen Interpretation des Demokratiebegriffs unterscheidet, wie Karsten Fischer in seinem Beitrag herausarbeitet. Dies erklärt auch Webers aus heutiger Sicht geradezu romantisch-naiv anmutendes Argument für die Notwendigkeit der plebiszitären Wahl eines charismatischen Führers. Nach Webers Vorstellung wäre der geeignete Führer mit protestantisch geprägter Disziplin und Rationalität ausgestattet und würde aufgrund dieser Eigenschaften die von Weber identifizierten Schwächen und Strukturdefizite des Gemeinwesenskompensieren. Dazu gehören die in einer führerlosen Demokratie unvermeidliche Vorherrschaft gesinnungspolitischer Gruppierungen und die Herrschaft des Beamtenapparats, der Bürokratie.

Einen ersten aktuellen Bezugspunkt liefert in diesem Kontext die Webersche Vorstellung von der Beamtenherrschaft, die eine überraschende Parallele zu aktuellen Argumentationsfiguren von Rechtspopulisten in vielen Ländern findet. So lamentierte Donald Trump wiederholt über einen deep state, der seine Machtübernahme verhindern oder zumindest beschneiden, wenn nicht rückgängig machen wolle. Gerade die Erfahrungen während des gescheiterten Amtsenthebungsverfahrens und der Mueller-Investigationen weisen jedoch darauf hin, dass der deep state wohl doch nicht so stark war wie von Trump behauptet, zumindest führten derartige Bemühungen nicht zur Beschneidung von Trumps Macht. Ganz ähnlich scheint es in anderen Ländern zu sein, deren Institutionen von Persönlichkeiten, die Webers Konzeption von charismatischen, plebiszitär bestätigten Führern entsprechen, mehr oder weniger offen ausgehöhlt werden, ohne dass der Beamtenapparat dies verhindert oder verhindern kann. Aktuelle Beispiele sind neben den USA etwa Polen, Ungarn oder Großbritannien. Dabei ist es frappierend, wie sehr Weber mit seiner Vorhersage der Beschneidung der Beamtenherrschaft durch eine Führerdemokratie Recht behielt und wie falsch er gleichzeitig mit seiner Furcht vor einer unkontrollierbaren Bürokratie lag. In jedem Fall legt diese Diskussion einen ambivalenten Aspekt offen, der für die normative Einschätzung sowohl von Führerdemokratie als auch der Beamtenherrschaft von Bedeutung ist, nämlich die Frage nach Disziplin, Rationalität und Integrität der handelnden Personen, sowie nach deren Intentionen.

Ein zweiter Gedanke betrifft die Stabilität der herrschenden Strukturen. In Webers Vorstellung führt die plebiszitäre Führerdemokratie zur allgemeinen Anerkennung eines charismatischen Führers, der sich bewährt und somit die Anerkennung der Bevölkerung verdient. Auf diese Weise wird die Beamtenherrschaft durch die charismatische Herrschaft überwunden. Weber sieht das Problem in einem funktionierenden Beamtenapparat, der kraft seines Einflusses über institutionelle Kanäle verhindert, dass ein charismatischer Führer überhaupt an die Macht gelangen kann. Als Beispiel ist hier das System von Vorwahlen zu nennen, durch die die Kräfte des deep state die Kandidatenauswahl und damit mittelbar die „Führerwahl“ beeinflussen. Auch hier lag Weber falsch angesichts der Erfolge von charismatischen Politikern, die trotz des Establishments und der institutionalisierten Abläufe an die Macht gelangten. Überhaupt scheinen die aktuellen Ereignisse Webers Vorstellungen nahezu auf den Kopf zu stellen, mit Führern wie Trump, die sich in Zeiten von Covid-19 alles andere als bewähren, sich offen über Institutionen und Gepflogenheiten hinwegsetzen und dennoch realistische Chancen auf die Bestätigung im Amt besitzen – und im Fall der Abwahl ihre Niederlage nicht eingestehen. Doch Weber wäre nicht Weber, wenn er nicht auch diesen Widerspruch erkannt und diskutiert hätte. So wies er treffend darauf hin, dass Charisma selten eine dauerhafte Basis für Herrschaft ist, da anfänglich charismatische Führer im Laufe der Zeit und der alltäglichen Geschäfte natürlicherweise an Strahlkraft verlieren. Webers Vorhersage hierzu ist die zunehmende Legitimation durch Bezugnahme auf Traditionen oder Legalisierung. Natürlich drängen sich Parallelen in der Gegenwart auf, etwa im Hinblick auf die jüngsten Verfassungsänderungen in Russland oder die zunehmende Beklemmung hinsichtlich der Besetzung von Richterposten vor dem Hintergrund eines möglichen juristischen Nachspiels der US-Präsidentschaftswahl.

Dies führt zum dritten und letzten aktuellen Bezugspunkt. Weber war grundsätzlich skeptisch hinsichtlich der Stabilität von Demokratien. Aus seiner Sicht ist die fortschreitende ökonomische Differenzierung förderlich für die Entwicklung, erzeugt aber Ungleichheit. Nach Weber führt steigende Ungleichheit dazu, dass Leitungs- und Verwaltungsfunktionen zunehmend von den Wohlhabenden übernommen werden, die sich politische Tätigkeiten leisten können. Ein sehr ähnlicher Gedanke wird später von Seymour M. Lipset aufgegriffen, der darauf verweist, dass sich stabile Demokratien hauptsächlich in Ländern herausbilden, die wirtschaftlich entwickelt sind und in denen die wirtschaftliche Ungleichheit nicht allzu ausgeprägt ist. Ein Anstieg der Ungleichheit führt nach Weber damit letztlich zu vermehrter Klientelpolitik und einer schwindenden Repräsentation der ärmeren Schichten bei politischen Entscheidungen, mithin also zu einer Erosion der Demokratie. Wiederum zeigt sich hier eine zwiespältige Aktualität. So weisen Thomas Piketty und andere auf den dramatischen Anstieg in der Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten hin, insbesondere in Ländern wie den USA oder Großbritannien. Die Folge sind steigende Ressentiments gegenüber „den Eliten“ in weiten Teilen der Bevölkerung, die sich von der wirtschaftlichen Entwicklung überholt und von deren Erfolgen abgehängt fühlen. Gleichzeitig jedoch gelingt es charismatischen Führern wie Donald Trump oder Boris Johnson, mit populistischen Parolen an die Macht zu gelangen und sich dort zu behaupten, obwohl genau sie als Milliardär oder Eliteschüler Mitglieder privilegierter Klassen sind und Politikmaßnahmen umsetzen, die genau diese Privilegierung ausbauen und fördern. Die letzten Ereignisse rund um die Wahlen in den USA und die Beschädigung der Demokratie durch wiederholte haltlose Behauptungen von Unregelmäßigkeiten bei der Wahl, die in der Erstürmung des Kapitols durch aufgeheizte Menschenmengen gipfelten, geben dabei einen beklemmenden Eindruck von der Verletzlichkeit demokratischer Institutionen.

Sind Webers Thesen also noch immer aktuell oder wurden sie in den turbulenten letzten 100 Jahren widerlegt? Die klassische Antwort eines Ökonomen auf diese Frage ist „sowohl – als auch“. Weber hat zweifellos viele Entwicklungen beschrieben, die von geradezu verblüffender, wenn nicht bedrückender, Aktualität sind. Die Sehnsucht nach charismatischen Führern, selbst in Demokratien, scheint ein wiederkehrendes Phänomen zu sein, ebenso wie die Tendenz, Charisma durch Legalisierung zu ersetzen, um so den Machterhalt zu sichern, oder wie die toxischen Auswirkungen exzessiver wirtschaftlicher Ungleichheit auf die Demokratie. Gleichzeitig haben sich viele von Webers Prämissen als fragwürdig erwiesen. Etwa das Konzept der Führerdemokratie als Gegenpol zum Beamtenstaat oder die ausschließliche Anerkennung und Bestätigung eines Führers im Falle der Bewährung im Amt. Hinzu kommt Webers Vernachlässigung der Folgen einer Führerdemokratie in Form der von Wolfgang Mommsen beschriebenen „Entsachlichung und Emotionalisierung des politischen Lebens“, die mit Hilfe moderner Massenmedien eine gänzlich neue Dynamik bekommen.

Uwe Sunde, Max Webers „Plebiszitäre Führerdemokratie“. Gedanken zu Karsten Fischers Beitrag, CAS LMU Blog, 29 January 2021, https://doi.org/10.5282/cas-blog/16