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Eine Universität im Notstand, ein Land im Notstand: Ein Bericht aus den USA

Liliane Weissberg, 12 November 2020

Die Rückkehr in die Vereinigten Staaten verlief nicht wie erwartet. Ich hatte das amerikanische Frühjahrssemester an der American Academy in Berlin verbracht und als die Covid-19-Pandemie Deutschland erreichte, befand ich mich dort im Lockdown. Ende Mai wurden einige Restriktionen in Berlin aufgehoben und ich kaufte mir ein neues Ticket für den Heimflug.

Drogeriemarkt in Chestnut Hill, Philadelphia, Ende Mai 2020. Aus Sorge vor Plünderungen vernageln die Ladenbesitzer die Schaufenster. © Liliane Weissberg.

Die Route war kompliziert. Viele Flüge wurden gestrichen und ich musste mich auf eine lange Reise über Amsterdam und Atlanta begeben. Von Atlanta aus sollte es nach Philadelphia weitergehen, doch der Flug verspätete sich wegen eines Maschinenschadens; jede weitere Verbindung am gleichen Tag war unmöglich. Aber eine Übernachtung in einem Hotel in Atlanta war ebenfalls schwierig geworden: Kurze Zeit vor meiner Landung kam George Floyd bei einer Polizeiaktion in Minneapolis ums Leben und auch in Atlanta, einer Stadt mit überwiegend schwarzen Einwohnern, gingen nun viele auf die Straße, um seinen Mord durch Polizisten anzuprangern. Der Protest verlief nicht friedlich. Um weitere gewaltsame Übergriffe zu verhindern, rief die Bürgermeisterin der Stadt den Notstand aus.

Als ich am nächsten Tag endlich Philadelphia erreichen konnte, glich auch dieser Ort einer Geisterstadt. Ich begann wegen der Pandemie eine freiwillige Quarantäne, aber ich war nun keineswegs die Einzige, die sich zu Hause aufhalten musste. Der Bürgermeister von Philadelphia hatte an diesem Tag eine Ausgangssperre verhängt, die sich allerdings in den folgenden Tagen nur auf die Abend- und Nachtzeit beschränken sollte. Freunde, die in der Innenstadt wohnten, berichteten von Unruhen; Autos brannten und Geschäfte wurden zerstört. Auch die Besitzer der Läden des Villenviertels, in dem wir wohnen, montierten Holzplatten vor ihre Schaufenster; geschlossen waren die Geschäfte wegen der Pandemie ohnehin. Dabei schienen die letzten Maitage in diesem Stadtteil umgekehrt besonders ruhig: Es gab keinen Autoverkehr, die Stadtbahn wurde bereits viele Wochen zuvor wegen der Pandemie eingestellt, ein Flugverkehr existierte kaum. In unserem Garten zeigte sich das Resultat dieser Entwicklung. Rehe, die den Unterschied zwischen dem naheliegenden Naturgebiet und den Privatgrundstücken nicht erkennen konnten, spazierten hindurch, Streifenhörnchen bildeten hier Großfamilien: Idylle und die Gewalt waren in der Stadt gleichermaßen präsent. Ich befand mich in einer Ausnahmesituation und war gleichzeitig in die besondere amerikanische Realität zurückgekehrt.

Nach wenigen Tagen wurden die von Gewalt bestimmten Ausschreitungen durch friedliche Demonstrationen maskierter Bürger und Bürgerinnen aller Hautfarben abgelöst. Die Frustration über die verfehlte Virus-Politik der Regierung in Washington, die Infektionen kaum eindämmen konnte, traf bei diesen nun auf ein anderes Thema, dem Verhalten der Polizei. „America First“ hatte der Präsident stolz verkündet und die Wirtschaft gemeint. Die Proteste nun waren sicherlich nicht die Reaktion auf ein globales Problem, sondern auf eine Rassenfrage, die intim mit der amerikanischen Geschichte verbunden ist. Bereits anlässlich der Ereignisse in Charlottesville vor drei Jahren war es offensichtlich geworden, wie wenig sich Donald Trump von rechtsradikalen und auch rassistischen Gruppierungen des Landes absetzen wollte. Jetzt wurde seine Agenda deutlich: Eine Verteidigung jeglicher Polizeimaßnahmen entsprach einem besonderen Ruf nach Recht und Ordnung, mit dem er in den Wahlkampf gehen wollte. Meine Frustration galt meiner Quarantäne, die mich hinderte, selbst auf die Straße zu gehen.

Die Demonstrationen im Mai setzten sich für die Rechte der schwarzen Bürger ein – Black Lives Matter – aber wandten sich auch gegen die amerikanische Regierung. Und Protest zeigte sich überall, besonders in den Großstädten der Ostküste wie Philadelphia. Die meisten Radiosendungen boten zwar offizielle Statements in den Nachrichten, widmeten aber die Hauptsendezeit der Kritik an der amerikanischen Politik. Staat, Land und Stadt standen sich gegenüber und oft gegeneinander. Verlässlicher als der Präsident sollte sich etwa bald der Gouverneur des Staates New York, Andrew Cuomo, zeigen, der regelmäßig Leitlinien für seinen Staat und die Stadt New York hinsichtlich der Bekämpfung der Virusverbreitung vergab. Der Bürgermeister des benachbarten Philadelphia versuchte, ihm mit ähnlichen Anweisungen zu folgen. Abendliche Fernsehsendungen mit Kommentatoren wie Stephen Colbert verwandelten die Washingtoner Szene in eine Comedy Show von tragischer Absurdität, für die es nun ein scheinbar unendliches Repertoire an Material gab. Diese Sendungen waren für meine Studierenden populärer als die Fernsehnachrichten. Die wichtigste Zeitung des Landes, die New York Times, widmete sich weniger der Satire, aber positionierte sich nicht weniger deutlich und begann tägliche Listen von Falschmeldungen aus Washington zu veröffentlichen und mit eigenen Korrekturen zu versehen. Ich fühlte mich in die Zeit der deutschen Studentenproteste versetzt, die hier allerdings nun altersübergreifend viele recht unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ergriffen sowie gerade Teile des traditionellen Establishments.

Auch die führenden Universitäten der Vereinigten Staaten hatten sich bereits längst auf vielfache, nicht immer offen artikulierte Weise, gegen die Regierung in Washington positioniert. Sie mussten sich bereits seit Jahren hinsichtlich ihrer Aufnahmekriterien von Studierenden rechtfertigen, sofern sie versuchten, Minoritäten größere Chancen zu geben und eine diverse Studentenschaft als Positivum sahen. Meine Universität, die University of Pennsylvania, versprach wie viele andere begabten Studienbewerbern, die keine gültigen Visa oder Einwanderungspapiere hatten, ein Studium zu ermöglichen. Sie stellte sich so weit wie möglich als unabhängige private Institution dem Staat entgegen. Penns Präsident, Rektor und die Dekane veröffentlichten Briefe, in denen sie sich deutlich hinter die Black Lives Matter-Bewegung stellten, Solidarität der Universitätsmitglieder mit der schwarzen Bevölkerung und Minoritäten unterstrichen und demokratische Verfahrensweisen einforderten. Da überraschte ich mich nun selbst und schrieb einen Fan-Brief an unseren Dekan.

Penn ist wie die meisten amerikanischen Universitäten eine Campus-Universität, die wie alle Elite-Institutionen Studierende aus vielen Ländern anzieht. Bis zum B.A. Abschluss wohnen die Studierenden zumeist in Dormitories – d.h. College-Wohnhäusern – auf dem Campus. In jedem dieser Häuser findet sich auch eine Wohnung für ein Fakultätsmitglied und seine Familie sowie ein oder zwei Doktoranden oder Lektoren, die zusammen die Studierenden betreuen und ein eigenes Programm an Seminaren, Vorträgen sowie ein Freizeitprogramm anbieten. Manche der jungen Studierenden wohnen in den Gebäuden der Studentenverbindungen, mieten sich private Wohnungen an oder bilden Wohngemeinschaften. Für die Mehrzahl prägt das College-Haus jedoch das intellektuelle wie soziale Leben während der B.A. Studienzeit an der Universität.

Die Dormitories von UPenn
Die verlassenen Dormitories von UPenn.
© Für alle Fotos (außer für die erste Abbildung) University of Pennsylvania, Eric Sucar.

Nach dem Beginn der Pandemie war der Aufenthalt im College-Haus aber unmöglich geworden. Die Lehre wurde im März auf Online-Unterricht umgestellt und die Studierenden sollten wegen der hohen Ansteckungsgefahr nicht mehr auf dem Campus bleiben. So wurden sie nach Hause geschickt, während der Unterricht online weiterging. Dies ging nicht ohne Probleme vor sich. Es war nicht allen ausländischen Studierenden möglich, nach Hause zu fahren; viele der Studierenden hatten auch gar kein Zuhause, in das sie leicht zurückkehren konnten. So musste Penn gleichzeitig besondere Wohnungen herrichten, in denen jene Studierende, die in Philadelphia gestrandet waren, bleiben konnten. Die Verantwortung der Administration ging wie immer über die Lehre hinaus: In einem inzwischen leeren Universitätsgelände sollten sich die Studierenden sicher fühlen und sie mussten versorgt werden.

Studierende müssen den Campus verlassen.

Die Stipendien für jene Studierenden, deren Familien nicht für die Studien- und Aufenthaltskosten aufkommen konnten, sollten weitergezahlt werden. Jene Familien jedoch, die für die Unterkunft und Verpflegung zahlten, stellten die bislang geforderten Beträge nun in Frage. Die Studierenden wohnten ja nicht mehr auf dem Campus. Und Eltern fragten sich: Wieviel ist ein Online-Unterricht wert? Die Universität musste hinsichtlich der Gebühren Kompromisse schließen. Dabei mussten auch Studierende, die den Campus verließen, mit Lehrmitteln versorgt werden und die Universität stellte finanzschwachen Studierenden kostenlos Computer zur Verfügung, damit der Unterricht weitergehen konnte. Für die besondere finanzielle Belastung auf Seiten der Universität schien dabei kein Ende in Sicht, denn das Herbstsemester, das im August beginnen sollte, musste auch neu geplant werden. Studiengebühren und die Kosten für den Aufenthalt der Studierenden bilden das finanzielle Rückgrat jeder amerikanischen Universität und angesichts der heiklen wirtschaftlichen Situation war wohl kaum auf große Beiträge von Spendern zu hoffen. Penn entschloss sich daher, die Abschlussfeier für die Graduierten im Mai virtuell zu gestalten, aber die Studierenden zum Beginn des neuen akademischen Jahres im August auf den Campus zurückzuholen. Der Unterricht sollte sowohl in Person (für kleinere Veranstaltungen) wie online (für alle anderen Veranstaltungen) geplant werden. Zur Zeit meiner Rückkehr galt dieser Plan immer noch.

Teststationen auf dem Campus.

Dabei sollte im Frühjahr und Sommer niemand mehr die Universitätsgebäude, einschließlich der Bibliothek, betreten. Ich musste einen Sonderantrag stellen, um im Juni kurz mein eigenes Büro aufsuchen zu dürfen—schließlich hatte sich dort während meines Aufenthalts in Berlin Post angesammelt; ab März wurde keine Post mehr sortiert. Der Campus glich zu dieser Zeit einer großen Baustelle, denn die Universität wollte die Gebäude umrüsten. Um eine Rückkehr der Studierenden überhaupt zu ermöglichen, musste die soziale Distanz, die einbehalten war, beachtet werden. Die College-Wohnräume sollten daher umgebaut und Teststationen eingerichtet werden. Schutzscheiben waren für die Auditorien größere Unterrichtsräume geplant; Wohnräume für jene, die in Quarantäne gehen mussten, hergerichtet. Jedes Universitätsmitglied, ob Fakultät oder Angestellte, muss sich seit Juni täglich mit Hilfe einer App bei der medizinischen Fakultät melden und über seinen bzw. ihren Gesundheitszustand Auskunft geben. Die Bibliothek, die bis zum Ende des Kalenderjahres geschlossen wurde, musste gleichfalls umgestellt werden. Große Summen wurden investiert, damit jedes Buch und jeder Aufsatz in elektronischer Kopie oder per Scan an Fakultät und Studierende in kürzester Zeit geschickt werden konnte, denn der Forschungsbetrieb sollte weiterhin gewährleistet werden. Daher wurde einzelnen Bibliothekaren der Zugang zu der Bibliothek ermöglicht, um jene Bücher, die nicht elektronisch erhältlich sind, kostenlos per Post an Privatadressen zu verschicken und Manuskripte und rare Bücher elektronisch für Lehrende und Lernende erreichbar zu machen. Für Forscher, die unter Zeitdruck stehen, oder solche, die in der Nähe der Bibliothek wohnen, steht nun das Material vor dem Eingang der Bibliothek zur Abholung bereit. Nahezu jedes Fakultätsmitglied befindet sich ohnehin in Universitätsnähe, denn Penn verhängte ein Reiseverbot in das In- und Ausland, das zunächst bis zum Ende des Kalenderjahres dauern soll. Mit Ausnahme der unabkömmlichen Mitarbeiter wurden und werden wir angehalten, nicht nur zu Hause zu arbeiten, sondern auch – so weit wie möglich – dieses Zuhause nicht zu verlassen.

Verschlossene Türen. Die Dozent/innen der UPenn sollen wenn möglich ihr Zuhause nicht verlassen.

Als sich die Situation der Pandemie auch Ende Juni kaum verbesserte, revidierte Penn die Pläne hinsichtlich des Herbstsemesters. Die Studierenden sollten nun nicht auf den Campus zurückkehren, der gesamte Unterricht sollte online erfolgen. Üblicherweise sprach sich Penn bei großen Entscheidungen mit anderen Ivy League Universitäten ab, aber nicht alle wählten diese Lösung. Harvard dachte beispielsweise zunächst daran, zwei der vier College Jahrgänge auf den Campus zu holen und damit die Studentendichte zu verringern und gleichzeitig den Anfängern bereits ein College-Erlebnis, wenn auch nur bedingter Art, zu ermöglichen. Kleinere Institutionen in ländlichen Ortschaften wie Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, wollten durch häufiges Testen die Situation unter Kontrolle halten und verlangten von den Studierenden, dass sie Erklärungen unterzeichneten: Sie sollten auf Partys und Zusammenkünfte verzichten. Bereits kurz nach Semesterbeginn musste viele College und Universitäten diese Entscheidung jedoch wieder revidieren. Studierende hielten sich selten an die Regeln. Die höchsten Zahlen von Covid 19-Neuinfektionen wurden im August und September in Universitäts- und Collegestädten festgestellt.

Als Fakultätsmitglied erhielt ich im Sommer regelmäßige Post mit universitären Angeboten, welche meine Arbeit zu Hause erleichtern sollten. Meine Gesundheit und Lebensweise standen im Vordergrund. Bereits im Winter hatte die medizinische Abteilung fitbit-Trackers an Mitarbeiter verteilt, die ihre täglichen Schritte zählen wollten; wir wurden nun angehalten, uns auch im Haus zu bewegen. Ich erhielt Aufforderungen zu sportlichen Übungen und Nachfragen über mein psychisches Befinden während der Pandemie. Die medizinische Abteilung bot telemedizinische Beratung an und Mitarbeiter konnten sich um Beihilfen für die Kinderbetreuung bewerben. Die Universität stand für einen Sozialstaat ein.

Die universitäre Sorge betraf auch meine Lehre. Penns Fakultät wurde angehalten, die virtuelle Schulbank zu drücken, um das Frühjahrssemester erfolgreich online beenden und das Herbstsemester erfolgreich planen zu können. Ich erhielt Lektionen in digitalen Medien, welche Penn mir zur Verfügung stellte, sowie im synchronen und asynchronen Unterrichten. Ich lernte neue Möglichkeiten des Prüfens, der Abgabe von Hausarbeiten, aber auch der Abgabe der Noten kennen. Als internationale Universität hatte Penn die Studierenden nicht einfach nach Hause geschickt, sondern auch in Heimatländer in verschiedenen Zeitzonen. Jede Vorlesung und alle Veranstaltungen mussten deshalb aufgenommen oder gefilmt werden und auf einer Plattform den Studierenden zur Verfügung stehen. Ich wurde angehalten, neue Formen des Unterrichtens zu entwickeln, die gerade durch den Online-Unterricht möglich waren. So gab ich nicht nur meiner Vorlesung zur Geschichte der Stadt Berlin neue inhaltliche Gestalt, sondern konzipierte auch einen „Berlin Salon,“ der die Studierenden per zoom einmal in der Woche zu Besuch in eine Berliner Institution führen konnte. Traditionelle Sprechstunden waren eigentlich kaum möglich. Ich begann nicht nur Stunden mit der technischen Vorbereitung des Unterrichts zu verbringen, sondern neben dem Unterricht auch zwei bis drei Stunden am Tag mit Gesprächen mit Studierenden, die nicht nur um Rat hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Arbeiten baten, sondern auch unter ihrer Isolation litten und nach einem institutionellen Anschluss suchten.

Für die Fakultät öffnete sich mit Beginn des Semesters jedoch auch die institutionelle Welt auf neue Weise. Amerikanische Universitäten bieten ein reiches Veranstaltungsprogramm von vielen täglichen Vorträgen und Workshops. Nun war alles online gesetzt. Penns wöchentliches History of Material Texts-Seminar, bei dem üblicherweise etwa dreißig Professoren und Doktoranden teilnehmen, erhielt nun eine Teilnehmerzahl von über hundert Buchwissenschaftlern, die sich virtuell einschalteten. Ich begann von meinem Schreibtisch zu Hause Vorträge in Princeton und Berkeley zu besuchen, war Gast eines Seminars der Universität München und begann, eine neue gemeinsame Lehrveranstaltung mit einem Kollegen in Yale zu planen. Neue Möglichkeiten der Kooperation waren möglich geworden. Ich durfte zwar nicht reisen, war aber ständig unterwegs. Und die Lektionen der Sommerkurse konnte ich auch für meine eigenen Vorträge umsetzen: Mein Vortrag für das Tel Aviv Museum erfolgte per zoom; für einen anderen Vortrag am Deutschen Historischen Museum in Berlin reichte ich einen Film ein.

Penns jährliche Feier zu Beginn des akademischen Jahres musste virtuell gehalten werden. Sie versuchte auf beides einzugehen: Die Pandemie, die ein Universitätsleben und einen Unterricht, wie er bislang existierte, unmöglich machte, und die politische Lage, welche die Universität forderte, und auf die sie gleichzeitig reagieren wollte. Fast jede Vortragsreihe, fast jedes Lehrangebot, sollte sich in Penns Herbstsemester darauf einlassen und so änderten wir viele Veranstaltungen, um die Diskussion um die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung deutlich in Lehre und Forschung einzubeziehen. Und regelmäßige Briefe der universitären Verwaltung informierten uns nicht nur über laufende Veränderungen, sondern dankten auch der Fakultät und den Mitarbeitern für die zusätzliche und unerwartete Arbeit.

Doch wir erhielten nicht nur Dank. Penn gehört zu den ältesten und reichsten Universitäten des Landes. Niemand hatte aber mit einer Pandemie gerechnet und den neuen Kosten. Die School of Arts and Sciences, nie so gut aufgestellt wie die medizinische oder betriebswirtschaftliche Abteilung, klagte bald über ein Budgetminus in vielfacher Millionenhöhe. Maßnahmen der Verwaltung waren daher zu erwarten gewesen. Sie sind hart und deutlich. Doktoranden in den Geistes- oder Sozialwissenschaften, die bei einer Aufnahme ein fünfjähriges Vollstipendium erhalten, das auch ihren Lebensunterhalt trägt, dürfen im kommenden Jahr nicht mehr angenommen werden. Forschungsgelder wurden gestrichen und die Budgets der Abteilungen gekürzt. Alle Gehälter wurden eingefroren. Stellenausschreibungen wurden gestrichen. Ausgenommen werden im Augenblick nur sogenannte gezielte Anstellungen, target hires, welche für wichtige Forschungsgebiete unbedingt notwendig sind, Lebenspartner betreffen, aber vor allem Minoritäten; die üblichen Ausschreibungen sind bei Anstellungen dieser Art nicht relevant. Die skizzierten Sparmaßnahmen meiner Universität scheinen gegenüber denen anderer Institutionen immer noch etwas milder auszufallen. Kollegen aus Stanford berichten von Gehaltsreduktionen. Kollegen an der Duke über die Streichung von Beiträgen in die Pensionskasse.

Universitätsgehälter variieren an amerikanischen Institutionen und es gibt für Professoren wie für andere Mitarbeiter kein gesetzlich bestimmtes Pensionsalter. Über sein Gehalt zu sprechen ist sozial inakzeptabel, über eine mögliche Emeritierung eigentlich ebenfalls. Manche Professoren emeritieren mit Mitte oder Ende sechzig, bleiben in der Forschung, oder wählen dann völlig andere Beschäftigungen. Manche führen ihre Karriere an einer anderen Universität fort, dies ermöglicht den Erhalt der Rente und ein neues Gehalt. Viele bleiben und ich habe Kollegen, die auch mit Mitte achtzig an Penn noch aktiv unterrichten und forschen. Im Juli erhielten Penns langjährige Mitarbeiter erste Briefe, die ihnen bei einem Angebot von einem einjährigen Zusatzgehalt eine – auch frühzeitige – Emeritierung vorschlug; sie hatten zwei Wochen Zeit, dieses Angebot zu akzeptieren. Im August erhielt dann jedes langjährige Fakultätsmitglied das Angebot, bei einem zweijährigen Gehalt als Ablösesumme Penn freiwillig zu verlassen. Im Unterschied zu den Angeboten für die Mitarbeiter waren jene an die Professoren nicht nur finanziell viel günstiger: Sie bekamen zwei Monate Zeit, sich zu entscheiden, und sollten noch bis zum Ende des akademischen Jahres unterrichten. Kollegen berichten mir von ähnlichen Initiativen an anderen Universitäten wie der Cooper Union in New York.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist mir nicht bekannt, wie viele und welche meiner Kollegen dieses Angebot angenommen haben. Die Konsequenz dieser Maßnahme könnte für kleinere Abteilungen existenziell sein. Aber auf jeden Fall wird die Universität auch nach der Pandemie nicht mehr dieselbe sein. Inzwischen besuche ich einen anderen Workshop, der für die Fakultät eingerichtet wurde: What This Election and Politically Unstable Moment Mean for Our Teaching, getragen von Kollegen aus der Erziehungswissenschaften, Geschichte und Politik: “[they] will consider some of the challenges this election and its possible aftermaths may pose for our teaching – from how to handle contention in the classroom, to students upset or endangered by the outcome, to the role of teaching when the world feels so uncertain” lautet die Beschreibung mit dem Zusatz: “This looks like it will be a very timely discussion.”

Liliane Weissberg, Eine Universität im Notstand, ein Land im Notstand: Ein Bericht aus den USA, CAS LMU Blog, 12 November 2020, https://doi.org/10.5282/cas-blog/5