Maßstäbe und Skalierungen in der kuratorischen Praxis
Cornelia Vossen, 16 March 2026
Wie erzählt man eine Geschichte im Raum?1 Diese Frage erscheint auf den ersten Blick einfach, birgt jedoch einen komplexen Denk- und Praxisprozess. Kuratorische Arbeit bewegt sich permanent zwischen unterschiedlichen Maßstäben und Skalierungen: zwischen großem Überblick und enger Nahsicht, zwischen historischen Zeitebenen und persönlichen Erfahrungsräumen. Sie ist eine Praxis des Messens, Ordnens, Reduzierens und Übersetzens – und auch des Verschiebens, Verknüpfens und Verhandelns von Perspektiven.
Kuratieren heißt, Maßstäbe bewusst zu setzen – und damit Wahrnehmung, Erinnerung und Erfahrung zu gestalten. Ziel der kuratorischen Arbeit ist es, Komplexität durch Maßstäbe zu formen und erfassbar zu machen, Bedeutung durch Skalierung zu vermitteln und Zielgruppen durch angemessene Maßstabssysteme zur Auseinandersetzung einzuladen.
Maßstab und Skalierung – eine begriffliche Herleitung
Der Begriff „Maßstab“ hat eine lange Geschichte und wird in unterschiedlichen Disziplinen verwendet. Ursprünglich bezeichnet er das Verhältnis zwischen einer Darstellung und einem Referenzmaß, etwa zwischen einer Karte und dem dargestellten Gebiet. In den Geisteswissenschaften wird Maßstab darüber hinaus als relationales Prinzip verstanden, das Wahrnehmung, Erfahrung und Bedeutung organisiert. Maßstäbe können räumlich, zeitlich, narrativ oder medial sein. Sie legen fest, welche Perspektiven sichtbar werden und welche Relationen in den Vordergrund treten.
„Skalierung“ bezeichnet hingegen den Prozess, zwischen verschiedenen Maßstäben zu wechseln, sie zu verschieben oder miteinander zu verknüpfen. Während Maßstab eine Relation setzt, beschreibt Skalierung die Bewegung zwischen Relationen: vom Großen ins Kleine, vom Historischen ins Gegenwärtige, vom Abstrakten ins Konkrete. Für die kuratorische Praxis ist dieses Zusammenspiel zentral, denn Ausstellungen entstehen gerade aus dem bewussten Wechsel und der Relationierung unterschiedlicher Ebenen. Ich erläutere dies im Folgenden anhand von konkreten Beispielen aus meiner eigenen kuratorischen Arbeit.
Exilmuseum Berlin2 : Von der Makro- zur Mikroperspektive
Die Geschichte des Exils umfasst enorme zeitliche und räumliche Dimensionen. Fluchtbewegungen über Kontinente, politische Umbrüche und gesellschaftliche Konstellationen bilden eine historische Weite, die für Besucher*innen schwer fassbar sein kann. Auch die schieren Zahlen übersteigen jedes Vorstellungsvermögen: Während in der NS-Zeit etwa 500.000 Menschen aus dem deutschsprachigen Raum ins Exil gezwungen wurden, sind heute weltweit über 120 Millionen Menschen auf der Flucht. Die kuratorische Herausforderung beim Exilmuseum Berlin bestand darin, aus dieser Großskala eine erfahrbare Erzählung zu entwickeln, ohne sie zu simplifizieren.
Ein zentrales Element hierfür ist das sogenannte „Bioskop“, eine Medieninstallation mit einer 180°-Leinwand und mehreren Nebenleinwänden, die das Herzstück der geplanten Dauerausstellung bildet. Die Porträts der Exilierten bewegen sich aus der Tiefe des medialen Raums auf die Besucher*innen zu. Durch diese räumliche und mediale Inszenierung wird der Maßstab gezielt verschoben: von der anonymen Masse hin zur Nahsicht auf das einzelne Schicksal.

Ein weiterer Ansatz ist der „Pfad des Exils“ – eine Reihe bewusst intim gehaltener Kabinette, die sich durch den Ausstellungsrundgang ziehen und jeweils einem Leitmotiv der Exilerfahrung gewidmet sind, wie etwa „Abschied“, „Warten“ oder „Pass/Identität“. In diesen dezent szenografisch gestalteten Räumen begegnen Besucher:innen literarischen Zitaten von Exilautor:innen aus der Zeit des Nationalsozialismus und von heute. Verblüffend ist dabei, wie schwer sich die Zitate zeitlich zuordnen lassen. Die Erfahrung des Exils erweist sich hier – bei aller Unterschiedlichkeit der historischen Situationen, aus denen Menschen flüchten – als universell und überzeitlich. Kuratorisch handelt es sich um eine transhistorische Skalierung: Das Motiv bleibt konstant, während sich die historische Ebene verschiebt.
„ZU/FLUCHT“: Transhistorische Skalierung durch Partizipation
Die Freiluftausstellung „ZU/FLUCHT“ am Anhalter Bahnhof (2021), ein Projekt auf dem Weg zum in Gründung befindlichen Exilmuseum, macht diese Vorgehensweise noch deutlicher. Die Ausstellung verband historische Exilerfahrungen mit den Perspektiven Geflüchteter von heute. Auf der Basis von Interviews mit ihnen entstand das „Alphabet des Ankommens“3 , das der Frage nachging, unter welchen Voraussetzungen ein Ankommen im Exilland gelingen kann.
Die Beteiligten führten selbst durch die Ausstellung und stellten Bezüge zwischen ihren eigenen Erfahrungen und den historischen Exilgeschichten her. Für viele war es bewegend zu sehen, dass auch aus Deutschland einmal Menschen fliehen mussten – und wie stark die Erfahrungsbeschreibungen von damals ihren eigenen ähneln.
Diese Form der kuratorischen Skalierung verschiebt den Maßstab nicht nur räumlich oder medial, sondern zeitlich und perspektivisch. Es entsteht ein Resonanzraum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, in dem die institutionelle Museumserzählung durch persönliche Stimmen erweitert wird. Maßstäbe werden hier nicht vorausgesetzt, sondern ko-kreativ entwickelt.

„Harry Graf Kessler“: Archivarische Quantität und kuratorische Reduktion
Eine weitere Dimension kuratorischen Skalierens zeigt sich in der Ausstellung „Harry Graf Kessler. Flaneur durch die Moderne“ (Stiftung Brandenburger Tor, 2016)4 . Der Mäzen, Verleger, Diplomat und Dandy Kessler reflektierte auf rund 10.000 Seiten seines Tagebuchs präzise den Übergang zur Moderne. Eine solche Quellenmenge kann nicht unmittelbar ausgestellt werden.

Der kuratorische Prozess bestand daher aus mehreren skalierenden Schritten: Zunächst wurde das Material auf der Grundlage kuratorischen Wissens und gezielter Schlagwortsuche reduziert. In einem zweiten Schritt dienten quantitative Häufungen bestimmter Themen als Maßstab für die Bildung von Leitmotiven. Schließlich wurden ausgewählte Motive mit filmischer Recherche verknüpft und in visuelle Erzählungen übersetzt. In der fertigen Ausstellung unterstützten die Filmcollagen das Hören der Tagebuchzitate und entfalteten ein Panoptikum des Umbruchs zur Moderne.

Der kuratorische Prozess besteht hier in der Bewegung zwischen der Quantität der Daten und der narrativen Verdichtung durch Auswahl, Fokussierung und mediale Ergänzung – eine klassische Skalierung von Masse zu Bedeutung.
Haus der Digitalisierung: Technik, Körper und Raum in Relation
In der Ausstellung „Mensch + Maschine“ im Haus der Digitalisierung (2023)5 wird die Skalierung schließlich selbst zum Thema. Eine 300°-Zoom-Story führt von der Perspektive aus dem Weltall bis in die mikroskopische Ebene des implantierten Chips im menschlichen Auge. Dieser radikale Maßstabwechsel macht erfahrbar, wie sehr technologische Systeme Teil unseres Alltags und unseres Körpers geworden sind.
Ergänzt wird dies durch eine objekthafte Timeline, die die Entwicklung digitaler Technologien vom Desktop-Computer bis zum Cyborg nachzeichnet. Allein durch Größenverhältnisse wird sichtbar, wie sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine verschoben hat und die Maschine mehr und mehr in unsere Körper einwandert.
Die Ausstellung nutzt Skalierung hier nicht nur als erzählerisches Mittel, sondern verbindet technologische, körperliche und gesellschaftliche Ebenen zu einer zusammenhängenden Erzählung.

Maßstäbe als kuratorische Werkzeuge
Diese Beispiele zeigen: Kuratieren ist immer auch ein Arbeiten mit Maßstäben und Skalierungen – zwischen Panorama und Nahsicht, zwischen räumlicher Begrenzung und narrativer Weite, zwischen institutioneller Rahmung und persönlicher Perspektive, zwischen Komplexität und Reduktion, zwischen digitaler Unendlichkeit und der Materialität eines Objekts.
Die zentrale Frage lautet daher: Welcher Maßstab, welche Skala macht das Thema erfahrbar?
Indem wir als Kurator:innen Maßstäbe bewusst setzen, sie verschieben und in Beziehung bringen, gestalten wir Ausstellungen, die Komplexität erfahrbar machen, Orientierung bieten – und so neue Perspektiven auf die Welt schaffen.
- Dieser Blog-Beitrag basiert auf dem gleichnamigen Impulsvortrag, den Cornelia Vossen im Rahmen des CAS-Schwerpunktes „Maßstäbe“ am 3.12.2025 am Center for Advanced Studies der LMU gehalten hat. ↩
- Das Berliner Exilmuseum befindet sich in Gründung. Die Konzeption bezieht sich auf die Neubaupläne nach einem Entwurf der dänischen Architektin Dorte Mandrup am Anhalter Bahnhof. ↩
- Das „Alphabet des Ankommens“ entstand in Kooperation mit dem We Refugees Archiv und kann dort eingesehen werden: https://we-refugees-archive.org/chapters/abc-des-ankommens/ ↩
- Mehr zur Ausstellung hier: https://stiftungbrandenburgertor.de/veranstaltungen/harry-graf-kessler-flaneur-durch-die-moderne/ ↩
- Mehr zum Haus der Digitalisierung hier: https://virtuelleshaus.at/de/ueber-uns ↩