Kultur der Zettelkataloge
Ulrich Johannes Schneider, 18 December 2025
Zwei Bilder und vier Textstücke1
Zettelkataloge gehören von Anfang an zu den modernen, für die Nutzung eingerichteten Bibliotheken, sowohl im öffentlichen wie im wissenschaftlichen Bereich. Dabei bleibt die Zettelkatalognutzung schwer zu belegen; wir sind auf indirekte Zeugnisse angewiesen. Das vielsagende Schweigen, das in den Lesesälen üblich ist, lässt auch jede übergreifende Auskunft verstummen. Letztlich sind es Bewegungen unterschiedlicher Art, über das 20. Jahrhundert hinweg in starker Steigerung begriffen, die uns aufmerken lassen. Die Regale füllen sich, die Zettelkästen auch; neue Textbewirtschaftung produziert neue Texte. Bibliotheken vergrößern sich im Rhythmus der gesellschaftlichen Entwicklungen, eingebunden in eine Kultur des Schriftlichen, die alle Bereiche der Gesellschaft erfasst. In den verschatteten Randbereichen dieser Lese- und Schreibökonomien zeichnen sich die Wege hin zu nun unvermeidbar notwendigen Texten ab, erkennt man die ersten Schritte, Fuß- und Handbewegungen in Bibliotheken. In dieser spezifischen Praxis der modernen Buch-, Bibliotheks- und Lesekultur ist die Geschichte der Zettelkataloge verortet.

Moderne Bibliotheken führen ihre Nutzerinnen und Nutzer gar nicht erst an die Bücher, sondern zuvorderst an Zettelkataloge, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einigen und am Ende des 20. Jahrhunderts in allen Bibliotheken der Welt standen. Heute, im 21. Jahrhundert, sind sie als Instrumente des Findens fast überall durch digitale Technik entwertet. Die Vergrößerung der Bibliotheken im Laufe des 20. Jahrhunderts wird an der Vergrößerung ihrer Zettelkataloge sichtbar. Im Katalogsaal wird nicht nur die Vielfalt des Bestands repräsentiert, sondern auch die Diversität der Leserschaft sichtbar, die hier noch nicht sitzt und liest, sondern steht und geht, Schübe aufzieht und Karten blättert, sich dazu streckt oder bückt. Dieser Tanz vor dem Katalog als dem zentralen Nervensystem der Bibliothek ist zugleich eine Choreographie, in der die Bücherwelt durch die Vielfalt ihrer Benutzung neu inszeniert wird. Nutzerinnen und Nutzer wählen aus dem Bestand, was ihnen gefällt, wonach sie verlangen.

Vor dem Zettelkatalog wird der einzelne Nutzer zur kleinen Figur nicht nur angesichts der Fülle der angezeigten Bände im Magazin, sondern auch angesichts der undurchschaubaren Ordnung der Zettel. Schon das Alphabet verwirrt, weil Orthographie und Transkriptionen historisch variieren, nicht nur aufgrund älterer Bestände, sondern auch durch Konventionsänderungen im Prozess der Katalogisierung. Dazu kommen die sachlichen Ordnungssysteme nach Schlagwörtern, die in die Gegenwart hinein flexibel sind und neue Ordnungswörter einfügen, alte Begriffe aber oft genug nicht entfernen oder umordnen. Die Kulturgeschichte moderner Bibliotheken muss auch diese permanente Überforderung durch multiple Wissensordnungen thematisieren. Empirische Untersuchungen der letzten Jahrzehnte haben zeigen können, dass Kataloge eher Hürden bei der freien Bewegung hin zu den Büchern einer Bibliothek darstellen. Der amerikanische Bibliothekar John Cotton Dana fand bereits 1898, Kataloge seien zu kompliziert für Unkundige und überflüssig für Gelehrte. Bei der Kulturgeschichte moderner Bibliotheken geht es um diese Spannung in der Bibliothekserfahrung – intern als professionelles Ordnungschaffen und nutzungsseitig als geübtes Suchen und Finden.
Zettelkataloge bildeten das Herzstück der modernen Bibliotheken und stellten sozusagen das Interface, die Schnittstelle zwischen Neugier und Auskunft dar. Was auf den Zetteln geschrieben stand, waren Botschaften aus den Magazinen an die Leserinnen und Leser, die weit mehr als über das Vorhandensein von Medien informierten. Zettelkataloge boten Hinweise an, die für die einfache Bestellung wichtig waren – wie die Signatur –, oder für die Fortführung der Suche – wie die Schlagwörter. Den größten Effekt für die Praxis des Suchens übten Zettelkataloge durch duplizierte Karten aus. Im Vorfeld jeder Bestellung tauchten Bücher an verschiedenen Stellen des Katalogs auf. Es war gerade diese Qualität des Zettelkatalogs, diverse Wege in den Bestand zu bahnen, die das überproportionale Anwachsen der Kataloge bewirkte. So führte nicht allein die Vermehrung des Bestandes zu mehr Karten, sondern die – sachlich sinnvolle – Vervielfachung der Zugänge über Verfasser- oder Sachkataloge. Zettelkataloge skalierten durch ihre Anlage Suchräume nach oben. Sie ermöglichten zahlreiche Orientierungen im Bestand und beantworteten weit mehr als die Frage: Haben Sie dieses Buch?
- Auszüge aus einem Vortrag der im Rahmen des CAS-Schwerpunktes „Maßstäbe“ am 12.11.2025 am Center for Advanced Studies der LMU stattgefunden hat. ↩