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Achill und die Ameise: Empathie und Literatur

Hans Pleschinski, 25 January 2022

Was könnte uns gleichgültiger sein, kälter lassen als ein Meteorit?1 Es handelt sich um einen Gesteinsbrocken aus dem All, der kurz erglüht, bevor er auf unserem Planeten aufschlägt. Tonnenweise enden Meteoritenflüge alljährlich im Meer oder auf dem Land. Diese Mineralien sind das Leblose schlechthin. Meteoriten interessieren vielleicht Astrophysiker und Geologen. Aber wen sonst?
Ja, natürlich, einen Dichter! Und das sogar in seinem bedeutendsten Werk, in einem Weltgedicht. Wie nebenher gelingt es Johann Wolfgang von Goethe in seinem Faust I, dort im Walpurgisnachtstraum, nicht nur Irrlichtern eine Stimme zu geben, sondern auch einem Meteoriten, einer Sternschnuppe. Und nicht nur das; in vier kurzen Versen macht er uns sogar zu mitfühlenden Freunden einer offenbar ungeschickten Sternschnuppe, die aus dem Universum herangerast kam, um bei der Walpurgisnacht mitzutanzen, jedoch eine Bruchlandung erlitten hat:

„Aus der Höhe schoss ich her
Im Stern- und Feuerscheine,
Liege nun im Grase quer,
Wer hilft mir auf die Beine?“

Und wer wollte hier nicht zu Hilfe eilen, um das gestrandete Himmelskind zu trösten, es kurz zu streicheln und ihm vorsichtig auf die Beine zu helfen? Ein Wunder der Dichtung findet statt: Dem völlig Fremden, sonst wie Leblosen verleiht Goethe eine Seele und lässt uns zum Samariter für Sternschnuppen werden. Ein Wunder der Dichtung und ihrer Fähigkeit, Empathie, Mitleid und Hilfsbereitschaft zu entfachen. Angesichts der strampelnden, klagenden Sternschnuppe im Gras könnte man Tränen weinen.

Nichts, was mit Empathie, mit der Bereitschaft, Empfindungen und Gedanken anderer nachzuvollziehen, zu tun hat, kann ich hier auch nur andeutungsweise von einem Anfang zu einem Ende bedenken. Das Terrain, die Sphäre, in der Empathie entsteht und wirkt ist zu groß, ja fast allumfassend.
Ich interessiere mich nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere und will darüber Geschichten erzählen; – schon das bezeichnet die erste Regung von Anteilnahme. Und diese Regung reicht ins tiefste Dunkel der Zeit zurück, zu den ersten Menschen der Frühzeit, die Klagelaute neben dem Leichnam eines von ihnen geliebten Hordenmitglieds hervorbrachten, erste Bestattungen versuchten, um Zuneigung und Ehrung zu bekunden, eine Art von Grab. Vor solchem Beginn von anteilnehmender Gefühlsaufwallung unserer frühesten Ahnen haben wir uns zu verbeugen.
So scheinen Tod, Elend und Trauer der mächtigste Antrieb gewesen zu sein, um Mitgefühl zu spüren, um von Vergänglichkeit und Abschied zu wissen, nicht ohne die zusätzliche Regung, dass man selbst dem dunklen Schicksal überantwortet ist: Ich erkenne Jammer, also erkennt bitte auch meinen; erst dann sind wir eine Menschenfamilie.
Ich persönlich schätze das Heitere. Und wer tut es nicht?
Doch scheint der große Motor für Empathie in Leben und Dichtung im Tragischen zu liegen.
In unserer Hinfälligkeit sind wir am verwundbarsten, und diese Schwäche gebiert die Größe des Mitempfindens. Für unseren Kulturkreis ist die Klage des Achill um seinen vor Troja gefallenen Gefährten Patroklos ein Schlüsselereignis. Welcher, vor allem junge Leser der Ilias, – auch in einer populären Fassung –, lernt das Mittrauern nicht mit Achill, dem strahlenden Helden, der in Tränen vergeht?

„Siehe, mit beiden Händen des schwärzlichen Staubs ergreifend,
Überstreut er sein Haupt und entstellte sein liebliches Antlitz;
Auch das ambrosische Kleid umhaftete dunkele Asche.
Aber er selber, groß, weithingestreckt, in dem Staube
Lag, und entstellete raufend mit eigenen Händen das Haupthaar ...
Dass er nicht die Kehle sich selbst mit dem Eisen durchschnitte.
Fürchterlich weint er empor.“

Johann Heinrich Füssli, Achilleus greift nach dem Schatten des Patroklos, ca. 1810.

Seit dreitausend Jahren sind Menschen durch Homers Verse Zeugen dieser abgrundtiefen Trauer und können durch sie ihr eigenes Mitgefühl ausbilden.
Ein anderer, vermutlich etwas später entstandener Text, ebenfalls eine Klage, trifft psychologisch wahrscheinlich noch tiefer. Hiob war ein wohlhabender Mann und glückliches Familienoberhaupt, bevor, wie aus dem Nichts, ein Unheil nach dem anderen ihn fast zerschmettert und nicht nur an Gott, sondern am Sinn der Schöpfung zweifeln lässt:

„Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. Und Hiob sprach: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt!
Jener Tag soll finster sein, und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen! ... Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich an Brüsten gesäugt? Dann läge ich da und wäre still, dann schliefe ich und hätte Ruhe. Denn wenn ich essen soll, muss ich seufzen und mein Schreien fährt heraus wie Wasser. Denn was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen.“

Das schreckliche Bekenntnis des Hiob rührt uns alle an, er erleidet, was wir alle erleiden könnten. So bangen und zittern wir mit ihm und verstehen sein Hadern. Alle frühe Dichtung, hier ein Bibeltext, bleibt, sofern sie überliefert ist, oft die stärkste Dichtung, da sie Empfindungen und Gedanken erstmals ausspricht. An Achill und an Hiob lernen wir überdies, dass Empathie ein Transmissions-Wunder ist. Die Empathie verbindet uns nicht nur mit dem Leben unserer Gegenwart, sondern ermöglicht über die Zeiten hinweg und durch alle Kulturen die Anteilnahme. Die Sternschnuppe, Achill, Hiob -, sie gehören nicht zu unserem Alltag, doch sie sprechen und empfinden für uns. Welch ungeheuerliches Geschenk der Kultur.

Trauer befördert massiv das Mitgefühl. So wurden denn auch „Furcht und Mitleid“ zu den prägenden Begriffen und Gefühlen, aus denen sich die Tragödie speist. Der im Theater aufgeführte Schrecken, von dem man selbst – noch? – verschont ist, sollte die Seele des Zuschauers reinigen. Oder wie Lessing diesen empathischen Schub und seine Wirkung umschrieb:

„So sage ich nunmehr, die Bestimmung der Tragödie ist diese: sie soll unsre Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern. Sie soll uns nicht bloß lehren, gegen diesen oder jenen Unglücklichen Mitleid zu fühlen, sondern sie soll uns so weit fühlbar machen, dass uns der Unglückliche zu allen Zeiten und unter allen Gestalten rühren und für sich einnehmen muss.“

Klage, Tragödie und Empathie entsprechen folglich geradezu der Geburt der Humanität.
Ein interessantes Phänomen ist, in mancherlei auch aktueller Beziehung, die Überforderung solchen Einfühlens und des Mitgefühls. Auch das lässt sich in der Literaturgeschichte erkennen. Über Jahrhunderte wurden vornehmlich auf Marktplätzen und in Kirchen die sogenannten Märtyrer- und Bekehrungsdramen aufgeführt. In München etwa um 1600 die Geschichte des sündigen, eitlen, sodann verdammten Doktors „Cenodoxus“ von Jakob Bidermann. Diese religiösen Spektakel erschütterten und fanden lange großen Zulauf. Doch das Tragische gerade im Leben von Märtyrern erschöpfte sich, denn sie wirkten auf die Dauer nicht tragisch, sondern dumm und besessen. Auch das kennen wir von heutzutage. Es beeindruckte die Zuschauer nach und nach nicht mehr, welche ungeheure Qualen Märtyrer auf sich luden, um am Ende regelmäßig glorifiziert zu werden. Märtyrer zweifeln nicht, – wie Achill oder Hiob –, sondern sie glauben unverrückbar und leiden mit Wonne. Die Empathie eines zunehmend gebildeten Publikums wandte sich von solchen Leidenslüstlingen ab. Wenn Märtyrer nach ihrer Vierteilung im Namen Gottes noch gesotten werden wollten, zuckte man schließlich ratlos die Achseln.
Das Ende dieser emotionalen Überforderungsdramen lässt sich auf das Jahr 1642 datierten, als Pierre Corneilles sprachlich wunderbare Tragödie um den armenischen Märtyrer Polyeucte in Paris uraufgeführt wurde, doch das Publikum nur noch gelangweilt reagierte. Zuviel Leiden kann das Mitgefühl lähmen oder ersticken. In unserer Zeit, in unserer Welt sind wir solcher Überforderung auf andere Weise und mit anderen Inhalten täglich ausgesetzt. Angesichts von Katastrophen, Elend, Gefahren, denen wir uns täglich und tätig widmen sollen, kann es zum Burn-out der einfühlenden Anteilnahme kommen. Manchmal durchaus zum seelischen Selbstschutz. Ich bin nicht das Leid der Welt, ich kann es nicht sein, ich schaffe es nicht. Seht zu wie ihr zurechtkommt.
Einen offiziellen Zenit für die zarten, mitmenschlichen, die mitkreatürlichen Regungen im Menschen erlebte die Literatur natürlich im auch entsprechend so genannten „Zeitalter der Empfindsamkeit“, also im 18. Jahrhundert. Anteilnehmende Gefühle wurden nicht so sehr durch tragische Konflikte ausgelöst als vielmehr durch erfreuliche Emotionen. Die Schar der Dichter in allen europäischen Nationen ist groß, die einen neuartigen, heiteren Feinsinn in den zunehmend bürgerlichen Seelen wecken und kultivieren wollten. Die Offenheit des Gemüts – eine Grundvoraussetzung für Empathie – sollte auch auf das Alltägliche gelenkt werden, nicht nur auf Helden, Propheten und den geistlosen Märtyrerschwarm. Ein Name muss in diesem Zusammenhang genannt werden, nämlich der von Barthold Hinrich Brockes, um 1750 ein Star der deutschen Dichtung aus Hamburg, der mit galanter Gläubigkeit, ohne theologische Rechthaberei ganz allgemein auf die Wunder und die Schönheit der Schöpfung hinwies, der Dankbarkeit und Freude auch für und am scheinbar Kleinen vermittelte. So begeisterte Brockes seine Leser sogar für ein rühriges Insekt:

„In diesem holden Ort und schönen Lustrevier
Erblickt ich einen Ameishaufen.
Ich sah verwundrungsvoll dies kleine Tier
Mit unverdrossnem Fleiß und eifriger Begier
Sich stets bewegen, rennen, laufen.
Es eilte sonder Ruh und hatte keine Zeit,
Die ungemeine Pracht, die holde Zierlichkeit,
Verändrung, Farben, Glanz und Schmuck, Ordnung, Seltenheit
Des Gartens anzusehn. Ach! rief ich überlaut:
Du scheinst, wie sehr mir auch vor der Vergleichung graut,
Uns zum belehrenden Exempel vorgestellt:
Die Ameis ist der Mensch, der Garten ist die Welt.“

Es ist ein immenser Bogen vom Wunsch des Hiob, nicht geboren sein zu wollen bis zu dieser dezenten Ermahnung, Leben und Welt gebührend wertzuschätzen. Aber ich sagte es eingangs: Das Reich der Empathie kennt keine Grenzen, ja Empathie, – in ihren sehr verschiedenen Temperaturen und Ausformungen –, prägt unser Miteinander, und ich gehe sogar so weit zu behaupten: Literatur ist Einfühlung und Verlockung zur Einfühlung, Literatur ist Empathie in Buchstaben. Dieses intuitive oder handwerkliche Verfahren, Menschen in den Bann zu ziehen, bisweilen auch willenlos und gefügig zu machen, bestimmt im Kern auch die Verfahren jedes Betriebsmanagements oder der Marketingbranche: Betriebslenker und Werbefachleute zielen darauf, Mitarbeiter, Kunden zu überzeugen und zu packen, am besten bei der Emotion. Die politische Rede agiert gleichfalls so, wie wir es in der schlimmsten Ausformung vom sogenannten „Führer“ und schlimmsten Übeltäter auch am deutschen Volk kennen: Es gelte, bekannte er „das Instinktmäßige zu wecken und es aufzupeitschen.“ – In der Medienbranche kann der Grad von Empathie, dann meistens einer eher schlichten, wahrscheinlich als „Einschaltquote“ gemessen werden.
Gemäß allerlei Forschung wird Empathie wohl übrigens auf zwei Ebenen virulent: Grob gesagt, kann Anteilnahme über die Gefühle oder über den Verstand hervorgerufen werden. Letzteres, die Vernunft zu bewegen, ist wahrscheinlich stets das schwierigere und subtilere Unterfangen. Ein Waisenkind in seinem Kummer geht uns vermutlich eher nahe als die Klimakatastrophe, die uns noch verhältnismäßig abstrakt bedroht und vornehmlich noch durch die Vernunft antizipiert werden muss.
In jedem Fall bricht die empathische Regung innere Verkrustungen auf und lindert die Vereinzelung des Menschen.
Höchst spannend verhält es sich mit der Literatur, in der ganz ausdrücklich auf die Erzeugung von Mitgefühl verzichtet werden soll, eine scheinbar kalte Literatur, in der Gefühlskitsch vermieden werden soll. Eine Literatur, die den Menschen für allzu verführbar hält und ihn eher zum Denken als zu flüchtigen Tränen und zu Wehmut anregen will.

Gustave Flaubert ist ein Ahnherr der scheinbar emotionslosen, ja gnadenlosen Schilderung. In seinem Roman Die Erziehung der Gefühle bettelt ein junger, eingekerkerter Revolutionär am Gitter seines Gefängnisfensters um ein Stück Brot. Ein bewaffneter Bürger, den wir zuvor als umgänglichen Zeitgenossen kennengelernt haben, schießt dem jungen Mann ohne jede Vorwarnung mitten ins Gesicht. Der Leser bleibt entsetzt zurück. Wie unmenschlich der Dichter und seine Schilderung sind! Doch in diesem Fall sind es die Kälte der Tat und ihrer Darstellung, die den Moment des Schusses unauslöschlich grauenvoll machen. Das Geschehen klingt bei Flaubert so:

„... der junge Mensch schrie noch einmal: ‚Brot!‘
‚Da hast du eins!‘, sagte der alte Roque und drückte ab. Ein ungeheures Aufheulen erhob sich, dann war Stille. Am Rande des Wassereimers war etwas Weißes kleben geblieben.
Danach ging Roque nach Hause, denn er besaß ein Haus in der Rue Saint-Martin, in dem er ein Absteigequartier für sich behalten hatte. Die Schäden, die durch den Aufruhr an der Außenseite des Besitzes entstanden waren, hatten nicht wenig dazu beigetragen, ihn wütend zu machen. Als er es aber jetzt wieder sah, wollte ihm vorkommen, dass er das Übel zu schwarz gesehen habe. Die soeben begangene Tat besänftigte ihn wie ein Schadenersatz.“

Karikatur Gustave Flauberts von Pierre-François-Eugène Giraud aus dem Jahr 1868 (links); Gustave Flaubert, L'Éducation sentimentale, Frontispiz der Auflage aus dem Jahr 1869 (rechts). Quelle: Wikimedia Commons

In der Begründung des Mordes finden sich auf bedrückende Weise Zynismus und Wahrheit zusammen. Es handelt sich um eine eine meisterlich kühne Literatur.
Bekanntermaßen hat ein Jahrhundert später Bertolt Brecht am nachdrücklichsten darauf gesetzt, dass in seinem epischen Theater der Zuschauer nicht von Gefühlen überwältigt wird, sondern zur eigenständigen Analyse angeregt werden soll. Der reflektierende Mensch war auch ihm, wie Flaubert, lieber als der vielleicht nur kurz aufschluchzende, larmoyante.
Weit ist das Reich der Empathie.

Und was ich in meinen Anführungen soeben erst berührt habe, ist die Bereitschaft des Lesers sich durch bösartige Gestalten fesseln zu lassen. Wie kann das sein, was nicht sein dürfte? Wie kann es geschehen, dass zum Beispiel Choderlos de Laclos’ Briefroman Gefährliche Liebschaften zu einem Klassiker der Weltliteratur geworden ist? Im Zentrum stehen die beiden Erzschurken*innen, der Chevalier de Valmont und die Marquise de Merteuil, die auf sexueller Jagd nach Opfern ihrer Lust und Launen sind. Das moralische Schreckensszenario knistert vor Spannung. Fühlen wir uns beim Lesen als die Guten, leben die Missetäter die Gier aus, die wir uns verbieten, empfinden wir in ihnen unsere dunkle Seite mit? Wahrscheinlich spielt dies alles eine Rolle. Das dunkle, zerstörerische Treiben fördert viel Unbewusstes zutage und es lässt auch Mephisto oft zu einer fesselnderen Gestalt werden als Doktor Faust es ist. Schon Goethe empfand dies so. Angesichts von Valmont und Merteuil und von Mephisto ist keine verkehrte Empathie im Spiele, sondern eine riskantere. Und das verlockt, das entspricht einem ebenso riskanten Trachten der Dichter, uns Abgründe zu eröffnen. Von der Liebe zur Ameise bis zu Mephistos Diktum, dass alles irgendwann als wertlos zu Grunde gehen müsse: Die einmal entfachte Empathie kann uns durch sämtliche Gedanken- und Handlungs-Labyrinthe mitnehmen. Bei diesen Erkundungen entscheidet der Leser, wer und wie er selbst ist, findet er seine Moral.

Vielleicht hier noch ganz knapp zu mir selbst.
Ich habe das Schreiben von Büchern nie mit der Kalkulation eines Empathiereservoirs begonnen. Themen und die dazugehörigen Gestalten, ihre Wirkung habe ich nicht gesucht. Sie kamen auf mich zu und nahmen mich in die Pflicht. Somit wurde eher ich der Sklave eines Personals, das mich reizte. Ich wurde sozusagen das Opfer meiner Urprungs-Empathie. Ich schätzte Thomas Mann und hatte ihn für mich eingeordnet, doch beim Schreiben meines Romans Königsallee hatte ich plötzlich seiner überraschenden Ausstrahlung und seiner Beeinflussung zu folgen. Emotionsgeladen verläuft das Schreiben manchmal. Bei manchen Passagen meiner Bücher musste ich mit den Personen und Geschehnissen, den Dialogen lachen. Auch rannen beim Schreiben gelegentlich Tränen, zum Beispiel als ich im Roman Wiesenstein das letzte Gespräch des greisen Gerhart Hauptmann mit einer Kasperlmarionette rekonstruierte. Ein Mensch und eine Puppe nehmen für immer Abschied voneinander. Lachen und Weinen vor einer vordem leeren Seite halte ich für ein Glück, ich rege mich und lebe durch meinen Versuch des Einfühlens auf, wobei ich zudem zeitweilig von meinem engen Ich erlöst werde. Manchmal stelle ich mir als ideale Leserin eine Frau mit meinem Buch am Fenster eines Zugs vor. Ihr will ihr auf ihrer Reise unterhaltend etwas nahebringen. Dabei folgt das Schreiben Impulsen oder handwerklichen Regeln. Nach Möglichkeit mit Erzähltem nicht lästig zu werden, scheint mir eine Prämisse zu sein; schwierig, versponnen, herausfordernd ja, aber, wenn es geht, nicht fade.
Im Übrigen, und das will ich noch erwähnen, wird viel Literatur, die stets auf Empathie fußt, bald verstummen müssen. Einer neuen und gefährlichen Mode zufolge, die bis jetzt vor allem in den angelsächsischen Ländern, auch zunehmend bei uns grassiert, soll die sogenannte „kulturelle Aneignung“, die auf Einfühlung beruht, bald verboten sein. Besonders links-islamophile Gruppierungen, in Frankreich Islamo-Gauchistes genannt, agieren fundamentalistisch dagegen, dass man sich in fremde Kulturen, in andere Zeiten einfühle, sie verlebendige. Dieses geforderte Verbot, sich irgendein Thema, Accessoire einer anderen Kultur anzueignen, geht soweit, dass Yoga-Kurse nur noch von Indern besucht, Sombreros nur von Mexikanern getragen werden dürfen; der Sänger von Verdis Otello müsste stets ein schwarzer Tenor sein, und zum Koran dürften ausschließlich Muslime sich äußern. Jede Abweichung davon, auch der Genuss einer Frühlingsrolle außerhalb Asiens, wäre rassistischer Kolonialismus.
Ich dürfte also nicht über Achill sprechen, schreiben, nicht über Afrikaner, Chinesen, nicht einmal mehr über Migranten, eigentlich über nichts und niemanden außer über mich selbst, denn dann eigne ich mir nur mich selbst an. Über allem Sonstigen würde das Verbot der unrechtmäßigen Annäherung, Einfühlung, auch des freien künstlerischen Spiels schweben.
In diesem Falle wäre es zu bedenken, ob Nicht-Europäer sich konsequenterweise auch nicht mehr über Europäer äußern sollten.
Doch ich hoffe und vermute, dass wechselseitiges Interesse und Empathie alle Epochen und Menschen als einen Reichtum weiterhin verweben und zusammenhalten werden.

  1. Dieser Blog-Beitrag geht auf eine Veranstaltung im Rahmen der Vortragsreihe "Arts and Skills of Empathy" zurück, die im Wintersemester 2021/22 am Center for Advanced Studies stattgefunden hat. Die Videos der Veranstaltungen finden sich hier.

Johann Wolfgang v. Goethe, Faust. Der Tragödie Erster Teil,
Walpurgisnachtstraum
, Stuttgart 2017.

Homer, Ilias, 18. Gesang, aus dem Griechischen von Johann Heinrich Voss, Zürich 1980.

Die Bibel, Altes Testament, Buch Hiob, Hiobs Klage, nach der Übersetzung von Martin Luther, Stuttgart 1985.

Barthold Hinrich Brockes, Irdisches Vergnügen in Gott, Stuttgart 1974.

Gotthold Ephraim Lessing, Brief über das Trauerspiel an Nicolai, in: Aufklärung und Rokoko, Hrsg. Otto F. Best, Stuttgart, 1976.

Gustave Flaubert, Die Erziehung des Herzens, aus dem Französischen von E. A. Rheinhardt, Zürich 1979.

Hans Pleschinski, Achill und die Ameise: Empathie und Literatur, CAS LMU Blog, 25 January 2022, https://doi.org/10.5282/cas-blog/34