CAS Blog

Eine Prise Umwelt, reichlich Klimaskepsis und ein kräftiger Schuss Ideologie

Vincent Balnat, 02 October 2025

Ein Forschungsbericht zu Klima- und Umweltthemen in den Wahlprogrammen der AfD

1. Wie ich auf die Idee kam

Die Studie, die während meines Fellowships am Center for Advanced Studies (CAS)1 entstand, ging aus einem größeren Forschungsprojekt hervor: Einem deutsch-französischen Vergleich zum alltagssprachlichen Gebrauch umweltbezogener Schlüsselbegriffe wie grün/vert, nachhaltig/durable, Öko-/éco-.

Für die Dauer des Aufenthaltes in München habe ich mich auf die Darstellung von Klima- und Umweltthemen in den Wahlprogrammen der AfD konzentriert – ein Themenfeld, das ich bis dato nur am Rande beobachtet hatte. Besonders reizvoll schien mir die Frage, wie eine Partei, die im öffentlichen Diskurs regelmäßig durch klimaskeptische Positionen auffällt, diese Haltung argumentativ mit anderen Umweltfragen und den ideologisch für sie zentralen Themen Identität und Tradition in Einklang bringt.

Die Antwort darauf: durch eine erstaunliche Beharrlichkeit in der Ablehnung der bisherigen Klimapolitik, eine bewusst polarisierende Sprache und eine ausgeprägte Neigung zur romantisch-völkischen Heimatliebe.

2. Was ich in den Wahlprogrammen fand – und was nicht

Das Korpus meiner Studie umfasst die Bundestagswahlprogramme der Jahre 2013, 2017, 2021 und 2025 sowie die Wahlprogramme zu den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Baden-Württemberg.

Bereits der Umfang der Wahlprogramme spricht Bände: 2013 schlanke vier Seiten, 2021 über 200 Seiten; entsprechend ausführlicher wurden mit der Zeit darin auch Umwelt- und Klimathemen behandelt. Doch anstelle klassischer klimapolitischer Argumente wurde vor allem ein politisches Theater inszeniert, in dem Klimapolitik und Umweltschutz als gegensätzliche Projektionsflächen fungieren – erstere als Bedrohung, letzterer als schützenswertes Kulturgut.

Windräder sind Sinnbild politischer Diskussion um den Klimaschutz.
Abbildung: Dietmar Rabich, Wikimedia Commons, "Dülmen, Kirchspiel, Welte, Windräder, 2010, 3514" / CC BY-SA 4.0.

Gerade diese bewusste Gegenüberstellung bildet das Herzstück der parteiinternen Strategie – Klimapolitik wird als ideologisch motivierter Irrweg diskreditiert, Umweltschutz als Ausdruck bodenständiger Vernunft gefeiert. Was hier auffällt: Statt Klimawandel heißt es gelegentlich Wandel des Klimas, auch Distanzmarker wie sogenannt werden zur Relativierung eingesetzt. Menschengemachte Erderwärmung? – „Wissenschaftlich umstritten“. Windräder? – „Verunstalten die Landschaft, schaden der Umwelt und damit auch der Heimat“. Anstieg der CO2-Emissionen? – „Trägt zu einem Ergrünen der Erde bei“.

Was ich besonders aufschlussreich finde: Die AfD benutzt den Ausdruck Umwelt bevorzugt im Zusammenhang mit Heimat, Jagd, Landschaft und Natur. In diesen Konstellationen wird Umweltschutz nicht als globale Verantwortung, sondern als regionale, fast private Angelegenheit verstanden – und ist somit eng verknüpft mit nationalkonservativer Identitätsbildung.

Bezeichnend ist auch das Nichtgesagte: Kein Wort zum Zusammenhang von Klimawandel und Migration – was nur konsequent ist für eine Partei, die den Klimawandel leugnet und die Migration zum Kern ihrer politischen Agenda erklärt hat.

3. Sprachliche Strategien: Distanzierung und Alarmismus

Sprache kann Wirklichkeit schaffen – und infrage stellen. Im Zentrum meiner Untersuchung stehen die semantische Besetzung klima- und umweltpolitischer Schlüsselbegriffe und die pragmatische Dimension der Wahlprogramme. Besonders auffällig ist der gezielte Einsatz rhetorischer Mittel, die allesamt der Kritik bzw. der Distanzierung dienen: Ausdrücke wie Klimawandel und Energiewende werden regelmäßig in Anführungszeichen gesetzt oder mit spöttischen Zusätzen versehen; die Politik der so genannten „Altparteien“ bzw. „Mainstreamparteien“ wird damit subtil und äußerst wirksam unterminiert.

Gleichzeitig bedient sich die AfD apokalyptischer Szenarien: Im Wahlprogramm Baden-Württemberg 2021 wird etwa ein drohender Blackout in dystopischen Bildern beschrieben – als Totalausfall von Heizung, Wasser, öffentlicher Ordnung. Diese Dramatisierung dient der Emotionalisierung und einer Inszenierung der Partei als Retterin des „Normalbürgers im ländlichen Raum“.

Interessant fand ich zudem, wie inkonsequent streckenweise argumentiert wird: Einerseits wird der anthropogene Klimawandel mit Verweis auf vermeintliche unzureichende wissenschaftliche Evidenz bestritten, andererseits ist die Rede von wissenschaftlichen Unsicherheiten, wenn Stimmung gemacht werden soll gegen Windkraftanlagen – etwa unter Hinweis auf mögliche gesundheitliche Gefahren durch Infraschall. Das Risiko wird also je nach Bedarf verharmlost oder dramatisiert. Dieser selektive Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zieht sich wie ein roter Faden durch die von mir untersuchten Wahlprogramme; es geht der AfD dabei eben nicht um die Evidenz, sondern um die Zielsetzung der Partei.

4. Und was bleibt am Ende?

Obwohl ich zunächst eher aus Gründen der Engführung einer größeren Fragestellung zu diesem Thema fand, hat sich meine Entscheidung für eine Untersuchung der AfD-Wahlprogramme im Rückblick als fruchtbar erwiesen: Es sind aus diskursanalytischer Sicht interessante Texte, die zudem in politischer Hinsicht sehr aufschlussreich sind.

Der politische Diskurs der AfD ist in weiten Teilen geprägt von ihrem Kampf um die Deutungshoheit der für die Partei zentralen Schlüsselwörter wie Klimawandel, Heimat, Freiheit, Ideologie, für die die Partei semantische Hegemonie beansprucht. Sprache wird hier in erster Linie als ein strategisches Mittel zur Konstruktion eines dichotomischen Gesellschaftsbildes eingesetzt, mit dem die Partei sich als einzig glaubwürdige Alternative zu inszenieren sucht.

Bei der Untersuchung derartiger diskursiver Strategien sehe ich mich als Sprachwissenschaftler in der Verpflichtung, stets auch den gesellschaftlichen Kontext mit in den Blick zu nehmen. Wer Klimawandel nur noch in Anführungszeichen schreibt, schafft nicht nur eine ironisierende Distanz zu diesem Wort bzw. dessen Referenten, er untergräbt auch die Grundlagen einer faktenbasierten Auseinandersetzung zu diesem Themenkomplex.

  1. An dieser Stelle möchte ich Prof. Dr. Michael Rödel, meinem Gastgeber an der LMU, für den anregenden, kontinuierlichen Austausch im Verlauf des Projekts danken.
Vincent Balnat, Eine Prise Umwelt, reichlich Klimaskepsis und ein kräftiger Schuss Ideologie, CAS LMU Blog, 02 October 2025, https://doi.org/10.5282/cas-blog/59
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