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Krisen am Umkehrpunkt? Corona und Klimaschutz

Julia Pongratz, 16 March 2021

Jedes Jahr wird durch das Global Carbon Project1 ein „globales Kohlenstoffbudget“ erstellt, das die menschengemachten CO2-Emissionen und ihre Aufnahme durch die Landvegetation, durch Ozeane und durch die Atmosphäre quantifiziert. Veröffentlicht wird es regelmäßig während der ersten Woche jeder UN-Klimakonferenz, sodass bei den internationalen Verhandlungen der Erfolg oder Misserfolg der weltweiten Klimaschutzmaßnahmen und die Reaktion des Erdsystems darauf verfolgt werden können. Die Klimakonferenz 2020 in Glasgow wurde wegen der COVID-19-Pandemie vertagt, das Treffen zum 20-jährigen Jubiläum des Global Carbon Projects im Frühjahr auf die digitale Ebene verlegt. Die Kohlenstoffbilanzierung fand dennoch statt.

Jahr für Jahr zeichnete die Bilanz ein Bild des Scheiterns. Auch fünf Jahre nach dem Abkommen von Paris, gut 40 Jahre nach der ersten „Weltklimakonferenz“ in Genf, stiegen weiterhin jedes Jahr die menschengemachten CO2-Emissionen. Zuletzt lagen sie bei 43 Milliarden Tonnen CO2 aus fossilen und Landnutzungsemissionen zusammengenommen. Unterbrochen wurde dieser Anstieg nur von Krisen: etwa der US-Bankenkrise Anfang der 1980er Jahre, dem Zusammenbruch der Sowjetunion oder der globalen Finanzkrise, in deren Folge die fossilen Emissionen geringfügig rückläufig waren, um je 0,5, 0,7 und 0,5 Milliarden Tonnen. In den Folgejahren stiegen sie wieder, oft schneller als zuvor. 2020 war das anders: Die fossilen Emissionen reduzierten sich in nie dagewesenem Ausmaß, nämlich um 2,4 Milliarden Tonnen CO2, was einer Verminderung um 7% entspricht.2

Eine Erfolgsmeldung ist dies indes nicht. Der Rückgang war auf die weltweiten harten Lockdowns zurückzuführen, nicht auf eine nachhaltige Transformation des Energiesystems oder auf eine vorausschauende Klimapolitik. Es ist auch noch nicht klar, ob dies nur wieder ein Dip in der Kurve ist oder ob sich eine langfristige Trendwende abzeichnet.

Global fossile CO2-Emissionen sanken 2020 so stark wie nie zuvor. Ob sie wie nach vorherigen Krisen zurückschnellen oder der ansteigende Trend 5 Jahre nach dem Paris-Abkommen endlich gebrochen ist, hängt auch von der Ausgestaltung der COVID-19-Konjunkturpakete ab.
Quellen: CDIAC; Friedlingstein et al 2020; Global Carbon Budget 2020.

Die Emissionen waren bereits 2019 langsamer gestiegen als in den Vorjahren. Doch um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssten die anthropogenen CO2-Emissionen Mitte des Jahrhunderts auf Netto-Null sinken, eine bloße Stagnation genügt also bei Weitem nicht. Notwendig wäre eine Reduktion der Emissionen im Umfang von 2020 – und zwar jedes Jahr. Ob das zu schaffen ist, hängt auch von der konsequenten Umsetzung von Green-Recovery-Paketen ab. In einzelnen Ländern wie China hatten die Emissionen allerdings bereits in der zweiten Jahreshälfte ihre Vorjahreswerte übertroffen.3 Globale Emissionen aus Landnutzung blieben auf dem gleichen hohen Niveau wie im letzten Jahrzehnt; die Entwaldungsraten im Amazonas, deren immenser Anstieg 2019 noch einen internationalen Aufschrei hervorgerufen hatte, fanden während der Corona-Krise kaum Beachtung. Im Jahr 2020 erreichte die atmosphärische CO2-Konzentration einen Rekordwert.

Das Amazonasbecken am 20. August 2019, mit mehreren Waldbränden und dem entstehenden Rauch, welcher sich unter die Wolken mischt. © „NASA“.

Die Frage ist also, ob die COVID-19-Pandemie positive Folgen für den Klimaschutz hatte. Und das unabhängig von der Sensibilisierung für die Größenordnung der für ein Erreichen der bei der Pariser Klimakonferenz vereinbarten Ziele. Vielleicht liefert die Pandemie Ansätze, um eine Hauptschwierigkeit anzugehen, der sich der Klimaschutz ausgesetzt sieht: Wie kann die Lücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischem bzw. gesellschaftlichem Handeln geschlossen werden? Im Gegensatz zum Klimaproblem wurde die Corona-Pandemie von Wissenschaft und Politik gemeinsam als globale Krise benannt und die erforderlichen Maßnahmen wurden rasch politisch umgesetzt. Dabei wurde nicht grundsätzlich in Frage gestellt, dass kurzfristig Investitionen nötig sind, um langfristig Schäden einzudämmen. Eine solche Kosten-Nutzen-Rechnung müsste auch für den Klimaschutz Geltung erlangen: Eine Einhaltung der 2-Grad-Grenze wäre global gesehen auch ökonomisch geboten, wenn man die Kosten der Transformation hin zu Netto-Null-Emissionen den erwarteten Klimaschäden gegenüberstellt.4 Nichtsdestotrotz hat diese Erkenntnis bislang nicht den gewünschten Durchbruch bei den Investitionen in nachhaltige, klimaneutrale Wirtschaftsformen erwirkt.

Im ersten Lockdown waren die Straßen ausgestorben. Entsprechend reduzierte sich der CO2-Ausstoß, aber auch die Belastung mit Feinstaub, Stickstoff u.a.

Anders verhält es sich bei der Covid-Pandemie. Sie scheint ein Bewusstsein geschaffen zu haben, durch das sich die Lücke zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Umsetzung einfacher schließen lässt. Es könnte die historische Chance gegeben sein, den Stellenwert wissenschaftlicher Erkenntnis in der Gesellschaft zu stärken, wie es in Bezug auf die COVID-19-Epidemie zumindest in Teilen gelungen ist. Notwendig ist ein intensiver Austausch von gesellschaftlichen Kräften und Politiker/innen mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen – und das in zweierlei Hinsicht: Erstens scheinen die besonderen Umstände des Umgangs mit einem zuvor unbekannten Erreger bewirkt zu haben, dass Bevölkerungen und Regierungen quasi live Zeugen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses werden konnten – nämlich davon, dass wissenschaftliche Erkenntnisprozesse darin bestehen, Hypothesen aufzustellen, zu testen, zu verfeinern oder zu verwerfen. Dieser Prozess, der sonst im verborgenen Peer-Review-Verfahren der Forschung vonstattengeht, vollzog sich nun vor den Augen der Öffentlichkeit. Das mag für Nicht-Wissenschaftler ernüchternd gewesen sein, lehrt aber, dass Entscheidungen auch auf unsicherer Datenbasis getroffen werden können, solange diese Unsicherheiten quantifiziert und kommuniziert werden. Zweitens wurde eine hochkomplexe Interessenlage offensichtlich. Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaft, den politischen Entscheidungsträgern eine Gesamtstrategie zu empfehlen, denn diese muss weit über Medizin und Gesundheitswesen hinaus soziale und ökonomische Belange miteinbeziehen, die wiederum fachspezifische Analysen erfordern. Auch die Klimaforschung kann keine Gesamtstrategie empfehlen. Sie kann aber den Entscheidungsprozess unterstützen, indem sie relevante Optionen, von lokaler Aufforstung bis hin zu globalen Szenarien der Energietransformation, in ihrer Wirkung und ihren Risiken untersucht. Politikrelevant, aber nicht präskriptiv, ist deshalb seit Jahrzehnten die Arbeitsweise des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in seinen Sachstandsberichten. Der sechste wird dieses Jahr erscheinen.

Die Pandemie zeigt uns, dass die Wissenschaft, bestehend aus einem ganzen Reigen verschiedener Disziplinen, ein unerlässlicher Partner der Politik ist und komplexen Interessenlagen grundsätzlich Rechnung getragen werden kann, wenn die Vorteile von notwendigen Veränderungen klar kommuniziert werden. Natürlich ist in der Pandemie die Akzeptanz der Bevölkerung zur Umsetzung von Maßnahmen auch deshalb so groß, weil die Situation eine akute Bedrohung von Menschenleben bedeutet und nicht wie beim Klimawandel eine eher abstrakte Gefahr darstellt, die, von Extremwetterereignissen abgesehen, vor allem andere Regionen oder zukünftige Generationen betrifft. Angesichts der Erkenntnis, dass etwa eine Umgestaltung des globalen Energiesystems in Übereinstimmung mit den Paris-Zielen weit weniger kostet als die über 10 Billionen US-Dollar, die weltweit derzeit für den Wiederaufbau nach der Pandemie eingeplant werden,5 erscheint Klimaschutz vor allem als eine Frage der Priorisierung und des Willens, nicht als eine Frage der ökonomischen Machbarkeit.

Das Global Carbon Project wird auch 2021 seine Bilanz der anthropogenen Emissionen aufstellen. Es wird sich dabei zeigen, ob das Abschalten vor allem ineffizienter alter Industrieanlagen weiter vorangetrieben wurde, ob der Entwaldung im Amazonas Einhalt geboten wird, oder ob die Konjunkturpakete die Emissionen wieder anfeuern, so wie nach der Finanzkrise 2010 die fossilen Emissionen sprunghaft um 5% anstiegen. Es wird sich außerdem zeigen, ob ein Umkehrpunkt der Emissionen erreicht ist, ein Umkehrpunkt in der Akzeptanz von politischen Maßnahmen und dem Verständnis des Zusammenspiels von Wissenschaft und Politik – oder ob auch diese Chance verstreicht.

  1. Die Autorin ist Mitglied des Scientific Steering Committee des Global Carbon Projects (Anm. d. Red.)
  2. Friedlingstein et al., Global Carbon Budget 2020, Earth System Science Data, 2020; Beitrag auf lmu.de: Rekord-Rückgang der globalen CO<sub>2</sub>-Emissionen dank Corona.
  3. carbonmonitor.org
  4. Glanemann et al., Paris Climate Agreement Passes the Cost-Benefit Test; doi.org/10.1038/s41467-019-13961-1
  5. Andrijevic et al., COVID-19 Recovery Funds Dwarf Clean Energy Investment Needs, Science, 2020, doi: 10.1126/science.abc9697
Julia Pongratz, Krisen am Umkehrpunkt? Corona und Klimaschutz, CAS LMU Blog, https://doi.org/10.5282/cas-blog/19

Julia Pongratz

LMU Munich

Julia Pongratz is Professor for Physical Geography and Land Use Systems at LMU Munich and leader of the Joint Group “Land Use in the Earth system” with the Max Planck Institute for Meteorology in Hamburg. Her work focuses on human-climate-vegetation feedbacks in past and future, drivers of anthropogenic emissions, and advanced Earth system modelling. Of particular interest is the question how we can manage the land in a way that allows us to adapt to climate change while at the same time reduces emissions. She is a member of the CAS Young Center.

Julia Pongratz has published more than 80 peer-reviewed articles, including in Nature, Science, and PNAS. Most recent research papers include 10 New Insights in Climate Science 2020. A Horizon Scan, Global Sustainability, 2021 and Global and regional drivers of land-use emissions in 1961–2017, Nature, 2021.

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